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Thema: Kolonialismus, Imperialismus - Seite 2:              Südwestafrika

Last update: 2.1.2018

Auf >Seite 1:
1. Das deutsche Kaiserreich und seine Kolonien
Allgemein; Übersicht

 

Auf dieser Seite:
Deutsch-Südwestafrika, der Hereroaufstand und
der Völkermord an den Herero und Nama
Darstellung und Quellen

 

Übersicht:

1. Eckpunkte zur Vorgeschichte und Entstehung der Kolonie

2. Quelle: Die Errichtung der deutschen Kolonialmacht in Südwestafrika. von Theodor Leutwein, 1906 (direkt dorthin)

3. Quelle: Karte von Deutsch-Südwestafrika 1900 (direkt dorthin)

4. Die geographisch-klimatischen Bedingungen (direkt dorthin)

5. Der Herero-Aufstand und seine Niederschlagung 1904/05 (direkt dorthin)
5a. Quelle: Der Herero-Aufstand im Deutschen Koloniallexikon von 1920 (direkt dorthin)
5b. Quelle: Der Schießbefehl des Generals von Trotha, 2.10.1904 (direkt dorthin)
5c. Quelle: Auszug aus dem Buch Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika 1904-1906 von Hauptmann Schwabe (direkt dorthin)
5d. Quelle: Lageplan nach der Schlacht am Waterberg (11.8.1904). Militärische Skizze und Schlussfolgerung aus der Deutschen Kolonial-Zeitung, Sept. 1904 (direkt dorthin)
5e. Quelle: Das Ende des Feldzuges gegen die Herero nach Hauptmann Bayer (direkt dorthin)
5f. Quelle: Abschluss des Berichts des Großen Generalstabs über den Feldzug gegen die Herero, 1906 (direkt dorthin)
Fortsetzung: Der Herero-Aufstand und seine Niederschlagung 1904/05 (direkt dorthin)

6. Die weiteren Folgen, der Nama-Aufstand und die Bewertung der Vorgänge im historischen Rückblick  (im Aufbau...)

7. Literatur und Links (direkt dorthin)
 

Deutsch-Südwestafrika, der Herero-Aufstand und der Völkermord an den Herero und Nama

1. Eckpunkte zur Vorgeschichte und Entstehung der Kolonie

Einen guten Einstieg in die Geschichte der deutschen Kolonie bekommt man über das LeMo oder Wikipedia. Schon der Vergleich zwischen Wikipedia und deutsche-schutzgebiete.de über die Vorgeschichte und die Entstehung der Kolonie auf Betreiben des Bremer Kaufmanns Lüderitz macht deutlich, wie unterschiedlich die Betrachtungsweise auf die Ereignisse und deren Darstellung ist.

Die Einwanderung der Herero und Nama (“Hottentotten”) aus dem Süden und Südosten, von jenseits des Oranje und damit aus den von den Buren beherrschten Gebieten, wo sie teilweise akkulturiert wurden (daher die niederländischen Namen und z.T. auch Sprachkenntnisse), führte zu Konflikten mit den vorher schon ansässigen anderen Ethnien (Damara u.a.), die von deutsche-schutzgebiete als “teilweise Ausrotttung” der Einheimischen qualifiziert werden.  Diese These ist wie vieles andere auf der Website unbelegt. So erscheint die Errichtung des deutschen “Schutzes” als Befriedung sich bekriegender Eingeborener - die klassische Rechtfertigung des Kolonialismus schlechthin: Die Europäer bringen Frieden, Ordnung, sprich: Zivilisation. Die Darstellung kann aber bereits auch eine psychologisch-historische Relativierung des späteren Völkermordes an den Herero (Ovaherero = Eigenbezeichnung mit Plural-Präfix) und Nama gesehen werden - der im übrigen als solcher von der Website geleugnet wird -, da diese beiden Völker, v.a. die Herero, selbst als “Täter” in diesem Sinne gegenüber den Altansässigen dargestellt werden.

In Beschreibungen der Herero anlässlich des Aufstandes von 1904 wurde dies dann noch zugespitzt zur altbekannten Kannibalen-These: “Wenn die Herero jetzt auch keine Menschenfresser mehr sind...”, schrieb Karl Wiegand, an den Kämpfen beteiligter Soldat (Unteroffizier) der Schutztruppe, so kam dies angeblich in der Verrohung des Aufstandes doch wieder zum Vorschein, wenn sie ihren eigenen Toten Hände und Füße abhackten: “Diese verleihen, nach dem Glauben dieser Kannibalen, wenn sie gegessen werden, Kraft und Stärke. Aus den Knochen der Feinde sollen sich die Schwarzen Zauberwürfel und Runentäfelchen schnitzen.” Der Hinweis darauf, dass die Herero jetzt eigentlich “keine Menschenfresser mehr” seien, ist eine rhetorische Wendung, die deutlich machen soll, dass die Zivilisierung dieser Eingeborenen eine Illusion sei und allenfalls an der Oberfläche gelinge. Im Zuge der verschiedenen Strömungen des Kolonialideologie - pro und contra Zivilisierungsthese - sowie zur Legitimation der Herrschaft und dann für die Legitimation der Kriegsführung (siehe unten) ein wichtiger Punkt.

So wurde auch einleitend in der Denkschrift vom 25.11.1904 zum Herero-Aufstand für den Reichstag Wert darauf gelegt, dass die deutsche Herrschaft Frieden in das Land gebracht habe, wo die seit dem 18. Jh. eingewanderten Herero die alteingesessenen (Berg-)Damara untgerworfen und versklavt hätten und sich auch mit den ebenfalls nicht autochthonen Nama (“Hottentotten”) bekriegten. Interessanterweise erwähnt das Deutsche Kolonialhandbuch von Rudolf Fitzner von 1900 (2. Aufl. 1901) keine kriegerischen Auseinandersetzungen hinsichtlich dieser Migrationsbewegungen. Auch das Koloniallexikon von 1920, also nach dem Verlust der deutschen Kolonien im 1. Weltkrieg, sieht zwar einen Kampf zwischen höher und niedriger stehenden “Rassen” innerhalb der afrikanischen Bevölkerung, d.h. zwischen verschiedenen Ethnien, bei denen in dieser Logik die schon halb Europäisierten über die Primitiveren gewinnen, doch ist auch hier nicht von “Ausrottung” die Rede, obwohl es in diese sozialdarwinistische Sicht sehr gut gepasst hätte. Auch heutige wissenschaftliche Forschungen belegen zwar gewaltsame interethnische Konflikte, die zeitweise entstanden, aber keine “Ausrottung” (vgl. Wallace 2015).

Im “Schutzvertrag” vom 28.10.1884 tritt einer der einheimischen Nama-Kapitäne (von den Buren herstammende Bezeichnung für Anführer, “Häuptlinge”), Josef Fredericks, den Deutschen eine Reihe von Rechten für das ihm unterstehende Gebiet ab und bestätigt die bereits erfolgte Abtretung eines Teilgebietes davon an Adolf Lüderitz. Dies ist die Grundlage für die deutsche Kolonie und deren spätere Ausdehnung. Fredericks bekam dafür “200 alte Gewehre und 100 englische Pfund”, erfährt man auf Wikipedia, woraus deutlich wird, dass die Deutschen die Konflikte unter den Einheimischen auch tatkräftig unterstützten um daraus ihren Vorteil zu ziehen. Wie dieser Vertrag einzuschätzen ist, verrät uns genauer eine zeitgenössische Quelle, nämlich die Kommentierung durch Theodor Leutwein, dem nachmaligen Gouverneur Deutsch-Südwestafrikas, im Rückblick 1906 (siehe unten, 2.). Wir erfahren daraus auch, dass es von Anfang an Widerstand gegen die Festsetzung der Deutschen gab. Tatsächlich vollzog sich die koloniale Eroberung gegen permanente Widerstände, bereits 1893/94 gab es den Aufstand der Witbooi unter deren Anführer Hendrik Witbooi

Der Vergleich der Darstellungen über die Errichtung des deutschen “Schutzgebietes” zwischen Wikipedia, deutsche-schutzgebiete.de und Leutwein als zeitgenössischer Quelle verdeutlicht, mit welchen Methoden sich die Deutschen das Land unterwarfen und wie dies gerechtfertigt wurde (bzw. noch wird). Divide et impera spielte hier wie auch anderots in der imperialistischen Politik eine wichtige Rolle, so bekam Josef Fredericks auch veraltete Waffen für den Verkauf eines Stück Landes.

Der Unterschied zwischen deutsche-schutzgebiete.de und Wiklpedia zeigt sich an dieser Stelle schon deutlich darin, dass Wikipedia sich auf zahlreiche wissenschaftliche Publikationen beruft, die andere Website dagegen keine Belege anführt.

Herero und Nama auf Wikipedia

Vgl. “Hereroaufstand” auf Schutzgebiete > <
“Hererokrieg” auf LeMo

Denkschrift über Eingeborenen-Politik und Hereroaufstand in Deutsch-Südwestafrika, 25.11.1904, Reichstagsprotokolle, 11. Legislaturperiode, 1. Session 1903/05, 5. Anlageband, Nr. 518, S. 2757-2803.

Karl Wiegand: Kriegsbriefe aus Südwest-Afrika, Jena (Schmidt), 1906, S. 60.

Rudolf Fitzner: Deutsches Kolonial-Handbuch, Berlin, 21901, S. 136-141. Verfügbar auf archive.org

Vgl. Heinrich Schnee: Deutsches Kolonial-Lexikon, Leipzig 1920, Bd. III, Südwestafrika, “7. Die Bevölkerung”

Vgl. Marion Wallace ( John Kinahan: Geschichte Namibias, Basel/Frankfurt 2015, S. 72-165.

Schutzvertrag von 1884 auf Schutzgebiete

Liste der Aufstände in den deutschen Kolonien >Wikipedia

Zu Josef Fredericks vgl. die Kapitäne der Nama  >Wikipedia

2. Die Errichtung der deutschen Kolonialmacht in Südwestafrika
aus: Theodor Leutwein: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika

Der Autor erklärt zuvor, wie schwierig die Festsetzung der Deutschen über die Stadt Windhuk hinaus war  und auf Widerstand durch die einheimischen Nama („Hottentotten“) unter dessen Führer Hendrik Witbooi stieß.

Leutwein

 

Theodor_Gotthilf_Leutwein

Theodor Leutwein >Wikipedia - ohne weitere Angabven zum Foto

Theodor Leutwein: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika, Berlin 31908, S. 19. [Erstaufl. 1906]

Das Buch ist online verfügbar bei archive.org

 

3. Karte von Deutsch-Südwestafrika 1900

Deutsch-Südwestafrika_1901-klein

>Wikimedia Commons

Kartenbeilage in:
Rudolf Fitzner: Deutsches Kolonial-Handbuch, Berlin (H. Paetel) 1900,
Das Buch gibt es online auf archive.org, (2. erw. Aufl. 1901) allerdings ohne die Kartenbeilage.

Die Omaheke-Wüste - eigentlich: Steppe - , übersetzt Sandfeld (oft niederländisch-burisch auch Sandveld geschrieben) ist auf dieser Karte nicht extra benannt. Sie ist der westliche Ausläufer der Kalahari-Wüste und ersteckt sich nördlich des 22. Breitengrades ungefähr über ein Gebiet, in dessen Mitte auf der Karte das Hirtenvolk der Ovatyimba lokalisiert ist. Siehe untere Karte.

Deutsch-Sudwestafrika

Zum Vergleich:

Karte von 1904 (ohne weitere Angabe) in >Wikipedia.

Die Einbeziehung der Omaheke könnte daher rühren, dass sie durch die Ereignisse 1904 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist.

Das nördlich von Windhuk eingezeichnete Okahandja war bis zum Aufstand der Mittelpunkt des von den Herero besiedelten Landes.

4. Die geographisch-klimatischen Bedingungen

ikn der geographischen Beschreibung im Kolonialhandbuch wird erklärt, was auch die Karte sehr gut zeigt, dass nämlich sämtliche Flüsse des Landes nur saisonal Wassesr führen, mit Ausnahme der beiden Grenzflüsse Oranje im Süden und Kunene im Norden sowie des Okawango, der von Angola kommend Namibia durchquert und in der Kalahari-Wüste Botswanas versandet. Das Binnenland ist durch große Gegensätze gekennzeichnet, z.T. extreme Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, sowie saisonale Unterschiede: “Es lassen sich deutlich zwei Jahreszeiten unterscheiden: eine kalte Trockenzeit von Mai bis September und eine heiße Periode mit Zenithalregen von Oktober bis April.”

Diese klimatischen Grundbedingungen sind notwendig, um zu verstehen, was bei der Niederschlagung des Herero-Aufstandes passiert ist. Die saisonalen Schwankungen zwischen Trocken- und Regenzeit - letztere übrigens nicht in der kalten, sondern heißen Jahreszeit - bedingen in weiten Teilen vor allem östlich des zentralen Tafellandes eine nomadische oder halbnomadische Lebensweise der einheimischen Bevölkerungsgruppen, die als Viehzüchter mit ihren Herden in der Trockenzeit Wasser und Vegetation hinterher ziehen. Entsprechend sind auch die ethno-geographischen Lokalisierungen auf der Karte nicht durchgängig als feste Siedlungsgebiete zu verstehen. Die extremen klimatischen Verhältnisse führen dazu, dass der östliche Landesteil in der Regenzeit die höchsten Niederschläge hat, in der Trockenzeit aber zum Teil völlig ausgetrocknet ist, so die Omaheke-Wüste, eigentlich eine Steppe, westlicher Ausläufer der Kalahari-Wüste in Botswana (damals Betschuanaland genannt, unter britischer Herrschaft). Entsprechend täuschen allgemeine Karten über die Niederschläge, die die saisonale Begebenheit nicht berücksichtigen.

Über den Teil des Sandfeldes - Übersetzung des Herero-Wortes Omaheke (heute auch Bezeichnung einer Verwaltungsregion Namibias) - , der als Wüste gilt, heißt es im Deutschen Kolonial-Lexikon von Heinrich Schnee 1920 zum Stichwort Sandfeld: “Selbst im nördlichen, bis in die Nähe des westlichen Okawango reichenden Teile des großen S. gibt es Durststrecken (s.d.) von außergewöhnlicher Länge, so eine früher benutzte Wegstrecke zwischen den nördlichsten Truppenposten und dem Okawango, die während eines halben Jahres auf 165 km kein Wasser führt und daher außer für Kamele so lange unbenutzbar ist.”

 

Kolonialhandbuch, 1901, S. 126.

 

A.a.O., S. 130.

Vgl. Animierte Darstellung der jährlichen Niederschläge nach Monaten auf wetter-namibia

“Sandfeld” im Deutschen Kolonial-Lexikon (1920) - siehe unten -, Bd. III, S. 248, vgl. auch online bei uni-frankfurt.de

5. Der Herero-Aufstand und seine Niederschlagung 1904/05

Die Vorgänge, die zum Völkermord an den Herero geführt haben, sind inzwischen Gegenstand einer umfangreichen wissenschaftlichen Forschung und auch zahlreicher zugänglicher Publikationen. In der Bewertung der Ereignisse im Einzelnen und in ihrer Gesamtheit gibt es nach wie vor eine Debatte, v.a. angesichts der erinnerungspolitischen Konsequenzen. Die Negierung des Völkermords ist minoritär, gleichwohl präsent.

Zunächst reiht sich der Aufstand der Herero unter ihrem Führer Samuel Maharero  in einen nahezu permanenten Widerstand ein, der von unterschiedlichen Volksgruppen zu unterschiedlichen Zeitpunkten geleistet wurde, allerdings nie konzertiert, weswegen die Aufstände auch niedergeschlagen werden konnten. So traf der Beginn des Aufstandes im Januar 1904 die deutsche Schutztruppe zu einem Zeitpunkt, als sie seit Herbst 1903 im Krieg mit einer Nama-Gruppe, den Bondelswarts unter ihrem Anführer Jakobus Morenga, (Jacob Morenga, eigtl. Marengo) im Süden des Landes gebunden war.

In der Darstellung des Aufstandes im Reichstag am 19.1.1904, also nur wenige Tage nach dessen Beginn am 12.1. (siehe unten), und seiner Vorgeschichte, wie man sie damals sah, durch den Direktor der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts, Oscar Wilhelm Stübel, gab es folgende interessante Feststellung:

“Sucht man nun nach dem Beweggrunde der Erhebung der Hereros, so muß davon ausgegangen werden, daß diese Eingeborenen die Zeit vor der Okkupation des Landes durch uns noch nicht vergessen haben, die Zeit, wo sie vollkommene Freiheit, Ungebundenheit und Zügellosigkeit genossen.”

Der Begriff der “Zügellosigkeit” offenbar eine ganze dahinter stehende Weltanschauung, auf die wir weiter unten näher eingehen werden. Abgesehen von dieser ideologischen Bedeutung, die den Freiheitsbegriff in sein wertendes Gegenteil verwandelt, trifft die Darstellung gleichwohl ins Schwarze. Und geradezu Sympathie für den Feind könnte man aus der Begründung des Herero-Aufstandes im Kolonial-Lexikon von 1920  - siehe nachfolgend 5a  - herauslesen, obwohl dies dem Herausgeber gleichermaßen fern lag.

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Samuel Maharero >Wikipedia
Der Kontext des Fotos ist leider unklar.

Dr. Stübel, Bericht im Reichstag am 19.1.1904, Reichstagsprotokolle, 11. Legislaturperiode, 1. Session, 1. Bd., S. 363.

5a. Der Herero-Aufstand im Deutschen Kolonial-Lexikon von 1920

Herero-Aufstand_Koloniallexikon_1920a
Herero-Aufstand_Koloniallexikon_1920b

“Hereroaufstand”, in: Heinrich Schnee (Hg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, II. Band,. Leipzig (Quelle&Meyer), 1920, S. 59f., vgl. auch online bei uni-frankfurt.de

Der Herausgeber Heinrich Schnee ist insofern über den Verdacht der Sympathie mit den Aufständischen erhaben, als er selbst bis 1919 Gouverneur von Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) war und sein Koloniallexikon 1920 ganz vom nostalgischen Geist nach dem Verlust der Kolonien geprägt war, wie auch sein 1928 erschienenes Buch Nationalismus und Imperialismus bezeugt. Von 1930 bis 1936 war er auch letzter Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft. In der Weimarer Republik war er Reichstagsabgeordneter der DVP, trat 1932 aus der Partei aus und schloss sich im Jahr darauf der NSDAP an. 

 

Fortsetzung: Der Herero-Aufstand und seine Niederschlagung 1904/05

Außer einem stetigen Spannungsverhältnis mit der Kolonialmacht, das zwischen Widerstand und Kollaboration (mit Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse) schwankte, wird als Grund für den Aufstand die drastische Verschlechterung der Lebensbedingungen durch die große Rinderpest 1897 genannt, die die afrikanische Bevölkerung in engere Abhängigkeit von der Kolonialmacht brachte (Verschuldung, erzwungene Lohnarbeit usw.). Die persönlichen Beziehungen zu den Deutschen waren konflikthaft und durch Übergriffe gegen die afrikanische Bevölkerung gekennzeichnet, die Konfiszierung wertvollen Landes für die deutschen Siedler schränkte den traditionellen Lebensraum der Einheimischen zusätzlich ein, die umso leichter übervorteilt werden konnten, als es in ihrem Rechtsverständnis kein exklusives Eigentum an Grund und Boden gab. Der Aufstand der Herero war trotzdem wohl nicht im eigentichen Sinne geplant, sondern ergab sich aus einem Zwischenfall am 12.1.1904 in Okahandja, bei dem Schüsse von Seiten der Deutschen gegen die Herero fielen. Dies war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Dabei kam es wohl zu Überfällen auf deutsche Farmer, die umgebracht wurden, diesseits der Gräuelberichte, die anschließend zur Rechtfertigung für das militärische Vorgehen fabuliert wurden.

Bereits am 14. Januar kritisierte der Deutsche Kolonial-Bund die “weiche Hand des Gouverneurs Leutwein” und erklärte, “dass der Europäer nur durch unbedingtes Aufrechterhalten der Suprematie seiner Rasse seiner Herrschaft Geltung verschaffen kann.” Bereits im November, offensichtlich anlässlich des Morenga-Aufstandes, hatte der Verein auf eine energische militärische Aktion” gedrängt und forderte nun, dass nach erfolgreicher Durchführung der militärischen Tätigkeit mit dem bisherigen Verwaltungssystem der Kolonie gebrochen werde und eine Abänderung der bisherigen Eingeborenen-Politik zu Gunsten unserer eigenen Rasse einzutreten habe.” (Alle Hervorheb. im Origjnal).

In der Reichstagsdebatte vom 19.1.1904 sah der SPD-Vorsitzende, auf die Erfahrungen mit den bisherigen Aufständen in den Kolonien und deren Berechtigung angesichts der Kolonialherrschafft eingehend, bereits folgendes voraus:

“Zwar wird unzeifelshaft sen, daß die Hereros ihre frühere Unabhängigkeit und Freiheit nicht vergessen können, daß sie sich in steigendem Maße als Unterdrückte und Benachteiligte fühlen, und daß, nachdem dieses Gefühl der Empörung bei ihnen eine gewisse Höhe erlangt haben wird, und vielleicht auch noch Momente eingetreten sind, die es ihnen notwendig erscheinen läßt, gerade jetzt loszuschlagen, sie zum äußersten geschritten sind, zu dem sie schreiten konnten, - ein Schritt, der, wenn er mißlingt, wie vorauszusehen ist und wie bereits früher verfahren wurde, den Untergang eines erheblichen Teils der betreffenden Stämme wird zur Folge haben, und zwar mit Anwendung der rücksichtslosesten Mittel.”

Am 3.5.1904 wurde Theodor Leutwein als Gouverneur abberufen, da man seiner “zu weichen Hand gegenüber den Eingeborenen” - so zahlreiche Kritiken - die Schuld am Aufstand gab, bzw. daran, dass er nicht schnell genug niedergeworfen werden konnte. Er wurde ersetzt durch General Lothar von Trotha, der die politische und militärische Führung in einer Hand übernahm und mit einer massiven militärischen Verstärkung ankam. Die Schutztruppe hatte bis dahin nur einige Hundert Mann unter Waffen und konnte der Lage nicht Herr werden. Ähnlich wie beim Boxeraufstand in China 1900/01 rückte die Verstärkung daher mit einer entsprechenden Einstellung nach radikaler Vergeltung an. Trotha selbst  hatte bereits bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China Erfahrungen gesammelt. Die Strategie im Krieg gegen die Herero wurde nun wesentlich von ihm geprägt, im Zentrum steht dabei der sog. “Schieß-” oder “Vernichtungsbefehl”.

 

5b. Der Schießbefehl des Generals von Trotha, 2.10.1904

Heinrich Schnee: Nationalismus und Imperialismus, Berlin (R. Hobbing), 1928.

Heinrich Schnee >Wikipedia

Cf. Jürgen Zimmerer: Widerstand und Genozid: Der Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero (1904-1908), in: APUZ 27/2014, online >BpB

Cf.- auch Jan-Bart Gewald: “Kolonisierung, Völkermord und Wiederkehr. Die Herero von Namibia 1890-1923”, in: Jürgen Zimmerer / Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika (siehe Literaturangabe unten), S. 108ff.

Flugblätter des Deutschen Kolonial-Bundes: Zu den Unruhen in Deutsch-Südwestafrika, 14.1.1904, Bundesarchiv: Der Krieg gegen die Herero 1904, Dok. Nr. 4

August Bebel, Rede im Reichstag am 19.1.1904, Reichstagsprotokolle (siehe oben), S. 366.

[…]                                                                                                        Osombo - Windhuk, 2.10.04

Ich der große General der Deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero.

Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, habe verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten und wollen jetzt aus Feignheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder der einen der Kapitäne an eine meiner Stationen als Gefangenen abliefert erhält tausend Mark, wer Samuel Maherero bringt erhält fünftausend Mark. Das Volk der Herero muß jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen.

Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.

Dies sind meine Worte an das Volk der Herero.

Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers.

________________

Dieser Erlass ist den Appells der Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufügen, daß auch der Truppe, die einen der Kapitäne fängt, die entsprechende Belohnung zu Teil wird, und daß das Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird, keine männliche Gefangene mehr zu machen, aber nicht zu Grausamkeiten gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes der Deutschen Soldaten bewusst bleiben.

Der Kommandeur […]

Lothar_von_Trotha

Generalleutnant Lothar von Trotha, ca. 1905. >Wikipedia - ohne weitere Angaben.

Vgl. Originaldokument (Scan) im Dossier des Bundesarchivs:  Der Krieg gegen die Herero 1904,

Kritiker der Völkermordthese, für die der Befehl ein entscheidendes Element ist,  berufen sich auf den Zusatz, um den Völkermordvorwurf zu entkräftigen (“eingeschränkter Schießbefehl”). Dabei zitieren die schutzgebiete den Text unter Auslassungen, die suggerieren, auch der Anhang sei Teil der öffentlichen Erklärung, des Aufrufs an die Herero, gewesen.

Die vielleicht empfundenen Skrupel, ganz offen auch auf Frauen und Kinder schießen zu lassen, oder vielmehr die Befürchtungen, dass die Probleme bei den Soldaten der Schutztruppe erzeugen könnte, ändert jedoch nicht am Charakter dieses Befehls. Unter den Kombattanten, hier ausgeweitet auf alle männlichen Herero, “keine Gefangenen zu machen”, übernimmt im Wortlaut den entsprechenden Befehl Wilhelms II. aus seiner berüchtichtigen Hunnenrede an die Marinesoldaten vor dem Auslaufen nach China zur Nierschlagung des Boxeraufstandes: “Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!”

Der einschränkende Zusatz ist für die Bewertung des Befehls jedoch nicht relevant, da auch der Mordbefehl gegenüber der männlichen Bevölkerung ausreicht um den Tatbestand des Völkermordes zu erfüllen. Ferner relativiert dies auch die im Text angedeutete Fluchtmöglichkeit nicht, zu der nach dem Zusatz dann auch alle Frauen und Kinder gezwungen wurden. Denn nach dem Schlacht am Waterberg am 11.8.1904 blieb den Herero -Kombattanten wie Zivilisten - nur noch eine Fluchtmöglichkeit, und zwar die nach Osten ins Sandfeld oder die Omaheke-Wüste. Die geographisch-klimatischen Bedingungen  der Omaheke zu jener Jahreszeit sind bereits oben dargestellt worden. Zu den Konsequenzen der Strategie von Trothas für die Flüchtenden geben zeitgenössische Quellen eine eindeutige Auskunft.

von Trothas Aufruf an die Herero bei www.schutzgebitet.de

Text der “Hunnenrede”, Gegenüberstellung der mitstenographierten und der offiziellen Version auf www.zum.de. Zum Wortlaut und zur Bedeutung der Hunnenrede vgl. Wikipedia sowie die Erinnerungen des damaligen Außenministers Bernhard von Bülow, der kurz darauf Reichskanzler wurde.

5c. Auszug aus dem Buch Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika 1904-1906 von Hauptmann Schwabe

Schwabe-S.296-927

Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika 1904-1906, von K.[urd] Schwabe. Hauptmann im Infanterie-Regiment von Boyen (5. Ostpr.) Nr. 41, kommandiert zur Dienstleistung beim Ministerium.
Berlin (C.A. Weiler), 1907, S. 296-98, 300-301.

Online auf archive.org

Die Karte ist im Buch um 270° gedreht abgedruckt.

Omaheke-Schwabe-S.297
Schwabe-S.297-298
Schwabe-S.300-301

Die Omaheke-Wüste bzw. das Sandfeld liegt nordöstlich der eingezeichneten Linien aus Straßen und Orten mit dem Vorposten Epata.

Die Grenzlinie zum “gänzlich wasserlosen Gebiet” (Dt. Kolonilalzeitung, s.u.) wurde von den Einheiten der Schutztruppe abgesperrt, siehe dazu die unten nachfolgenjde militärische Skizze - aus der Deutschen Kolonialzeitung,

5d. Lageplan nach der Schlacht am Waterberg (11.8.1904). Militärische Skizze und Schlussfolgerung aus der Deutschen Kolonial-Zeitung, Sept. 1904

Omaheke-DKZ1904

Im Kommentar zum Geschehen betont die Kolonialzeitung, dass die Soldaten den flüchtenden Herero nicht ins Sandfeld nachfolgen konnten, mangels geographischer Kenntnisse, Proviant und Ausrüstung.

Um wie viel leichter ist ferner für die Herero, denen landeskundige Stammesbrüder für alle Teile des Sansfeldes zu Gebote stehen, sich hier durchzuschlagen, als für die Truppen, sich in einem Gebiete zurecht zu finden, das vor ihnen kaum ein Weißer, aber auch kein Bastard oder Witbooi jemals betreten hat. [...]

Wenn wir bedenken, daß die am 11. und 12. vorigen Monats am Waterberg geschlagenen und zersprengten Herero sich durch eine eilige Flucht nach Osten und dann nach Südosten der ihnen durch die Truppen drohenden Einschließung entziehen zu können glaubten, daß ihnen dies aber trotz der jetzt wochenlangen Winkelzüge der Flucht und trotz der für den Verfolger so schwierigen Geländes nicht gelang, so können wir mit Sicherheit annehmen, daß der moralische Eindruck dieser Mißerfolge auf die Herero ein sehr großer ist. Hierzu kommt noch, daß ihre Verluste an Menschen und Vieh während dieser Wochen der Flucht bedeutende gewesen sind, wahrscheinlich übrigens noch weit bedeutender, als man es zurzeit auf deutscher Seite übersehen kann. In Erwägung all dieser Umstände und Vorgänge vermögen wir daher nicht uns denen anzuschließen, die den Stand der Dinge in Südwestafrika für ungünstig halten. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß das Abbrechen der bisher nach Südosten herichteten Flucht und das Ausbiegen nach Norden - Otjinene, Otjousondjou - ein volles Mißlingen der ursprünglichen Pläne der Herero erkennen läßt. Für sie heißt es jetzt einen neuen Ausweg zu ersinnen, der sie auch ihrer höchst heiklen Lage - zwischen der wasserlosen Omaheke im Norden und den deutschen Truppen im südlichen Halbkreis - zu führen vermag. On sie diesen Ausweg finden werden, ob ein solcher überhaupt möglich ist, wird die Zukunft lehren.  (S. 383f.)

5e. Das Ende des Feldzuges gegen die Herero nach Hauptmann Bayer

Hauptmann Bayer, der am Feldzug gegen die Herero teilnahm, berichtet in seinem 1906 erschienenen Buch über die letzte Phase, als die Verfolgung der Flüchtenden im Sandfeld aufgegeben werden musste:

     In der Nacht zum 30. September, 1 Uhr früh, traten wir wieder an. Wir folgten dem Eisel-Rivier und gelangtem am Morgen an eine leere Wasserstelle, die ein Gefangener mit Osombu-Onjatu bezeichnete.
     Hier erbeuteten die Bastards eine kleine Rinderherde, deren Hirt uns versicherte, er habe sie nicht weitertreiben können, weil dieses Wasserloch das letzte sei!
     Alle Gefangenen bestätigten die Angabe.
     Vor uns lage nur noch wasserlose Wüste!
     Und an dieser Stelle, wo die Notwendigkeit uns zwang, die Verfolgung abzubrechen, lag, wie für uns hingebaut, ein einzelner Hügel am Rande des Riviers. Wenn noch ein letzter Widerstand vom Feinde gewagt wurde, so mußte er hier erfolgen.
     Die Kolonne marschierte auf: Artillerie fuhr auf die Höhe, die Feldkompagnien bogen rechts und links aus. Aufklärer tr5abten weit voraus und sicherten,
     Das Hauptquartier ritt auf den Hügel hinauf, der weite Übersicht bot: Und vor uns lag das Sandfeld! - Das Sandfeld? So weit das Auge reichte, erblickten wir schöne, üppige Weide, grünende Büsche! Ein verwunschenes Land!
     Wenn sich einst die Kultur dieser Omaheke annehmen, ihre tief unter der Erde fließenden Wasseradern öffnen wird, so mag sie ein reiches Gebiet, eines der besten unserer Kolonie werden. - Wie wir sie fanden, war sie tot, trotz der gleißnerischen Bewachsung. Nur arme Buschleute wagten sie in der Regenzeit zu betreten, anderen brachte sie Verderben.
     Weit gegen Osten sahen wir eine Staubwolke am Horizont verschwinden. Der Hirt zeigte darauf und sagte: “Samuel Maharero!” Dort zog er hin, der Oberhäuptling eines vernichteten Stammes. Mit wenigen Begleitern und ohne Besitz rettete er sich auf vier Tage langer Durststrecke hinüber auf englisches Gebiet, wo er von unseren Nachbarn in loyaler Weise entwaffnet und am Ngami-See festgesetzt wurde.

Tatsächlich gelang Samuel Maharero mit einer kleinen Gruppe als einem der wenigen die Flucht durch die Omaheke zu überleben.

 

5f. Abschluss des Berichts des Großen Generalstabs über den Feldzug gegen die Herero, 1906

Generalstab-1906

 

Fortsetzung: Der Herero-Aufstand und seine Niederschlagung 1904/05

Hptm Kurd Schwabe - unter Berufung auf von Trotha - und der Generalstab kommen zur selben Schlussfolgerung: In der Wüste fand der größte Teil der Herero den Tod, es war “das Ende der Hereros”. Dass somit ein Völkermord stattgefunden hatte, wurde von den Beteiligten, unbeschadet dessen, dass es den Begriff noch nicht gab, gar nicht bestritten, im Gegenteil: “Das Strafgericht hatte sein Ende gefunden.”

Dieser Statz beinhaltet auch die Intentionalität: Der Tod in der Wüste war kein tragisches Resultat des von den Herero selbst gewählten Weges der Flucht, sondern von den deutschen Truppen gewollt und herbeigeführt durch die Absperrung eines anderen Auswegs. Dies wurde bereits in der Kolonialzeitung vom 29.9.1904, die das definitive Ergebnis noch nicht wissen konnte, präzise prognostiziert, mit einem eher rhetorischen denn relativierenden “... wird die Zukunft lehren”.

Am 2.10. folgte der Vernichtungsbefehl des Generals von Trotha, als, wie in der Kolonialzeitung zu lesen, klar wurde, dass der Fluchtplan der Herero gescheitert war. Zuvor war auch der Plan Trothas gescheitert, die Herero am Waterberg vernichtend zu schlagen [cf. Gewald 1]. Die Todesdrohung Trothas schloss aus, dass die Herero zurückkehrten und sich den Deutschen ergaben (- wenn sie das überhaupt gewollt hätten). Inwiefern der Aufruf Trothas an die Herero überhaupt übermittelt werden konnte, ist eher unklar, jedenfalls wurden einige Gefangene dafür freigelassen und in die Omaheke geschickt [cf. Gewald 2]. In jedem Fall war die eigene Truppe auch ein Adressat des Aufrufs, und vielleicht sogar der wichtigste: Die Truppe wurde somit “gebrieft”, wie sie im Falle sich ergebender Herero zu reagieren hatte. Trotha war bei seiner Ernennung zum Nachfolger Leutweins in der Schutztruppe keineswegs so willkommen, selbst im Offizierskorps gab es Widerstand gegen seine radikale Vorgehensweise und insofern kann man den Befehl nach nachdrücklichen Zwang betrachten, sich dieser Strategie zu unterwerfen.

Dabei wurde die Flucht aus dem Lande - sprich: in bzw. durch die Omaheke - als Alternative suggeriert, doch in dieser strategischen Konstellation gab nur die Alternative zwischen Tod in der Wüste und Tod durch die Kugeln der Deutschen. Dieser Plan entstand also nach der Schlacht am Waterberg, fand im Schieß- bzw. Vernichtungsbefejhl seinen offiziellen Ausdruck und durch die Absperrung der Wasserstellen im westlichen Teil der Omaheke seine militärische Umsetzung. Im Zuge der Verfolgung einzelner Hererogruppen in einen Teil der Omaheke hinein kam es verlässlichen Augenzeugenberichten zufolge es auch zur Vergiftung von Wasserstellen durch die Deutschen [cf. Melber]. Einigen gelang es, bis ins östliche benachbarte Betschuanaland (heute Botswana), unter britischer Herrschaft, zu kommen oder nach Norden ins Land der Ovambo innerhalb Südwestafrikas, unter Bedingungen, die man sich kaum vorstellen kann. Selbst der Durchbruch kleiner Gruppen durch die deutschen Reihen gelang hier und da. All dies ändert jedoch nichts an der Bilanz, dass, unbeschadet der Zahlenschätzungen im Einzelnen, die bis heute auch Gegenstand der Auseinandersetzungen sind, unbestreitbar der größte Teil des Hererovolkes, zusammen mit den nachfolgenden Todesfällen in den Konzentrationslagern ca. 80% [cf. Zimmerer / GfbV / Wikipedia].

Das Bekanntwerden des Vernichtungsbefehls rief in der politischen Öffentlichkeit in Deutschland Empörung und mindestens Verunsicherung hervor, und zwar nicht nur auf Seiten der Sozialdemokraten, sondern auch bis in die bürgerlichen Parteien im Reichstag. Später, am 13.12.1906, fand sich sogar eine Mehrheit im Reichstag aus SPD, Zentrum und der Polnischen Partei gegen den wegen des fortgesetzten Kolonialkrieges (Nama-Aufstand) notwendigen Nachtragshaushalts. Die daraufhin verfügte Reichstagsauflösung führte zur Neuwahl am 25.1./5.2.1907. Die später so apostrophierte “Hottentottenwahl” fand ganz in nationalistisch angespannter Atmosphäre um die Kolonialpolitik statt. Zuvor, im Sommer 1904, zögerte Reichskanzler von Bülow die Einberufung des Reichstages hinaus, wie er in der Sitzung am 5.12.1904 erklärte, mit der Begründung, sich dessen Zustimmung für seine Politik sicher zu sein:

“Und ich habe mich endlich [= zu guter letzt] bereit erklärt, die volle Verantwortung zu übernehmen für alle Truppensendungen, die behufs rascher Niederwerfung des Aufstandes von zuständiger militärischer Seite für notwendig erklärt werden würden, ebenso wie für die Kosten, die aus diesen Maßnahmen zur Bekämpfung des Aufstandes hervorgehen würden. Wenn wir dieses hohe Haus zu diesem Zwecke nicht schon im Sommer einberufen haben, so geschah es einerseits, weil damals und auch noch im Frühherbst die Lage der Dinge in Südwestafrika sich nicht übersehen ließ, und weil andererseits nach der Haltung, die dieses hohe Haus in diesen Fragen bisher eingenommen hatte, wir uns der Erwartung hingeben konnten, das es diejenigen Maßregeln billien würde, die wir getroffen haben, um Südwestafrika für Deutschland zu erhalten.”

Desweiteren erklärte Bülow zur Beendigung des Herero-Krieges (- der Nama-Aufstand hatte bereits begonnen): “Wir sind weder so grausam, noch sind wir so töricht, die einzige Möglichkeit der Wiederherstellung geordneter Zustände darin zu erblicken, daß die jetzt aus den Wüsteneien des Sandfeldes hervorströmenden, halb verhungerten und verdursteten Hererobanden erbarmungslos niedergeknallt werden. Davon kann keine Rede sein. [...] Von einer Ausrottung der Eingeborenen kann, abgesehen von allen Gründen der Menschlichkeit, die wir immer hochhalten werden, schon aus der praktischen Erwähung heraus nicht die Rede sein, daß wird die Eingeborenen für jede Art des wirtschaftlichen Betriebes in Südwestafrika, für die Landwirtschaft, für die Viehzucht und insbesondere für den Bergbau gar nicht entbehren können.”

Die nachträgliche indirekte Distanzierung von der Trothaschen Vernichtungsstrategie, nachdem sie bereits zum Erfolg geführt hatte, nahm die Argumentation der Gegner von Trotha, v.a. des abgesetzten Gouverneuers Leutwein auf, der auf einen Verhandlungsfrieden gesetzt hatte - freilich zu deutschen Bedingungen -, aber nicht aus humanitären Überlegungen heraus, sondern weil die Kolonisten afrikanische Arbeitskräfte brauchten. So kündigte Bülow in seiner Rede auch schon die Ersetzung Trothas durch einen neuen Gouverneur, von Lindequist an, was allerdings erst im November 1905 erfolgte, denn von Trotha konnte nicht so einfach im laufenden Kampf gegen die Nama abberufen werden. Friedrich von Lindequist vertrat ähnliche Positionen wie Leutwein und forderte für seine Übernahme des zivilen Gouverneurspostens auch die Ablösung von Trothas als Kommandeur der Schutztruppe, dem er dann ebenfalls darin nachfolgte. Im Dezember 1905 sicherte er den überlebenden Herero in einem Aufruf zu, dass sie bei ihrer Rückkehr und Abgabe der Waffen nicht erschossen würden. Aufgrund der Differenzen bis in die politisch-militärische Führung hinein hatte sich Kaiser Wilhelm schon ein Jahr zuvor, am 8.12.1904 veranlasst gesehen, den Schießbefehl von Trothas zumindest gegenüber Nicht-Kombattanten aufzuheben, also nur wenige Wochen, nachdem er verkündet worden war [cf. Wikipedia / Krüger].  Trotha erreichte daraufhin bei Reichskanzler Bülow, die überlebenden Herero einem Regime der Zwangsarbeit zu unterwerfen.

 

Wird fortgesetzt...

6. Die weiteren Folgen, der Nama-Aufstand und die Bewertung der Vorgänge im historischen Rückblick

In Vorbereitung...

7. Literatur und Links

Gerhard Pool: Samuel Maharero, Windhoek (Garnsberg / MacMillan), 1991.

Gesine Krüger: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewusstsein. Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907, Göttingen (V & R), 1999. Online bei Digi20.

Jürgen Zimmerer: Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Münster (LIT), 2004.

Jürgen Zimmerer / Joachim Zeller: Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin (Chr. Links), 2003; Lizenzausg. BpB 2016.

Henning Melber (Hg.): Genozid und Gedenken. Namibisch-deutsche Geschichte und Gegenwart, Frankfurt/M. (Brandes & Apsel), 2005.

Henning Melber: Völkermord - und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbewältigung. Vorwort von Heidemarie Wieczorek-Zeul, Frankfurt/M. (Brandes & Apesel), 2017.

 

Der Krieg gegen die Herero 1904 -Virtuelle Ausstellung, des Bundesarchivs.

Gesellschaft für bedrohte Völker: 100 Jahre Völkermord an Herero und Nama, 24.6.2005, >GfbV

Jürgen Zimmerer: Doch kein Völkermord? Warum der Genozid an den Nama und Herero nicht für journalistische Spiele taugt, IPG - Internationale Politik und Gesellschaft, 18.7.2016

 

Bastian Ludwig: Kolonialismus und Imperialismus. Die Deutschen und die Herero, Wochenschau-Verlag  2015, Geschichte unterrichten: Arbeitsblätter, Materialien, Unterrichtsvorschläge (hier)

Wird ergänzt...

Lageplan nach der Schlacht am Waterberg (11.8.1904) - aus der Deutschen Kolonialzeitung, 21. Jg., Nr. 39, 29.9.1904, S. 383, Das Bild hier entstammt dem digitalisierten Bestand der Kolonialzeitung der Universitätsbibliothek Frankfurt.

Es ist ebenfalls schneller (und in etwas besserer Qualiutät) online verfügbar im Dossier des Bundesarchivs:  Der Krieg gegen die Herero 1904,

M[aximilian]. Bayer: Mit dem Hauptquartier in Südwestafrika, Berlin (Weicher), 1909, S. 197. Online auf www.archive.org

Die Kämpfe der deutschen Truppen in Südwestafrika, auf Grund amtlichen Materials bearbeitet von der Kriegsgeschichtlichen Abteilung I des Großen Generalstabs, Bd. 1: Der Feldzug gegen die Hereros, 3. Heft, Berlin (Mittler & Sohn), 1906, S. 217f.

Online auf www.archive.org

 

Gewald 1: Jan-Bart Gewald, , Kolonisierung, Völkermord und Wiederkehr..., op. cit., S. 114. Der Autor bezieht sich auf eine Quelle in Gerhard Pool:  Samuel Maharero, (siehe unten), S. 251.

Gewald 2: op. cit., S. 116.

Henning Melber: Völkermord - und was dann? (siehe unten), S. 20

Jürgen Zimmerer: Deutsche Herrschaft in Afrika... (siehe unten), S. 39-41.

Gesellschaft für bedrohte Völker: 100 Jahre Völkermord an Herero und Nama, 24.6.2005, >GfbV

Völkermord an den Herero und Nama >Wikipedia

Cf. Ulrich van der Heyden: Kolonialkrieg und deutsche Innenpolitik - Die Reichstagswahlen von 1907, >Freiburg postkolonial

Reichskanzler Bernhard von Bülow, Reichstagsrede  am 5.12.1904, Reichstagsprotokolle, 11. Legislaturperiode, 105. Sitzung, S. 3375.

 

 

 

a.a.O., S. 3376.

Aufruf des Gouverneurs Friedrich von Lindequist vom 1.12.1905 im Dossier des Bundearchivs, Der Krieg gegen die Herero 1904.

Völkermord an den Herero und Nama >Wikipedia

Gesine Krüger: Kriegsbewältigung und Geschichtsbewusstsein (siehe unten), S. 53.

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