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Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am “Deutschen Eck” in Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet, ist ein vielfältiges Symbol deutscher Geschichte, im Sinne des Liedes “Die Wacht am Rhein”. Das Lied ist zunächst deutlicher mit dem pompöseren Niederwalddenkmal bei Rüdesheim verbunden, weil es dort sogar als Inschrift festgehalten ist . Beide Denkmäler, und da gibt es noch andere (cf. Wikipedia), erinnern an die deutsche Reichseinigung in Folge des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Während am Niederwalddenknal noch eine mythische Germania die Franzosen abwehrt - die “nicht die stürmische Kriegsgöttin [...], nicht die jubelnde Victoria” war (siehe Seite 1870/71) -, ist es am deutschen Eck ein viel klareres Bekenntnis zu Preußen als dem deutschen Reichseiniger. Eine historische Reminiszenz die Stadt Koblenz betreffend hat hier vielleicht auch eine Rolle gespielt, weil Koblenz während der Französischen Revolution die Exil-Hauptstadt der geflohenen französischen Adligen und anderer Revolutionsgegner war, Coblence ist für die Franzosen ein bekannter “Erinnerungsort”.
Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal zeigt nicht Wilhelm II, wie man spontan meinen könnte, sondern Wilhelm I., den Großen, wie es auf der heute verblichenen Inschrift lautet. Wilhelm II. ließ es 1891 errichten. Sein Großvater sitzt dort triumphierend hoch zu Ross, obwohl er den von Bismarck so erfolgreich in die Wege geleiteten Krieg mit Frankreich, dass Napoleon III. ihn erklärte, nicht wollte und auch über die Verleihung der Kaiserkrone eher unglücklich war. Der König Preußens trat in die zweite Reihe, der Kaiser der Deutschen, so der offizielle Titel bei der Kaiserproklamation in Versailles, trat voran. Dabei war das neue Deutsche Reich doch nur ein vergrößertes Preußen, dessen Gewicht man im Bundesrat, wie die Ländervertretung damals schon hieß, proportional herunterstufen musste, um den anderen Mitgliedsstaaten noch eine Mitbestimmung zuzugestehen.
Die fehlende Einheit einigte die Deutschen im Ideellen mehr als die gefundene im Konkreten, die Kriege mehr als der Frieden. Der Feind hielt immer her für die Legitimation der Einheit, die lange Zeit mehr die Abwehr des gemeinsam Fremden als die Beteuerung des gemeinsamen Eigenen beschwor. Das 19. Jh..über dichtete und besang man die deutsche Einheit angesichts des anachronistischen Deutschen Bundes, von dem doch kein deutscher Fürst lassen wollte, aber nach ihrer Verwirklichung im Kaiserreich besann man sich wieder mehr auf die Eigenständigkeit, vor allem gegenüber Preußen, innerhalb des nun neuen nationalen Rahmens.
Die Einigung erzielte man gegen den “Erzfeind” Frankreich, mehr als ein Jahrhundert lang, von der napoleonischen Zeit bis nach dem Ersten Weltkrieg, und nach nationalistischen Rechnungen noch viel länger, spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg Die Einmündung der in Frankreich entspringenden Mosel, deren Quelle am südlichsten Punkt Lothringens ganz nahe an der Grenze des 1871 annektierten Elsass liegt, dann aber mit einem Schlenker durch das französische Lothringen weiter weg führt, um dann doch deutsches Gebiet zu erreichen. Der vorher französische Fluss wurde deutsch und die Stelle der Einmündung in den Rhein symbolisiert gewissermaßen sein nationales Ziel.
Nach zwei verlorenen Weltkriegen hat sich das drastisch geändert. Schon nach dem ersten Weltkrieg gelang die deutsch-französische Versöhnung überraschend schnell unter den beiden Außenministern Stresemann und Briand, und nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal unter dem Bundeskanzler Adenauer und dem Präsidenten De Gaulle.
Die neue Hauptstadt Bonn wurde zum Standorten einer neuen “Wacht am Rhein”, diesmal und zusammen mit Frankreich und nach Osten hin gerichtet, denn für die Wahl der Bundeshauptstadt gegen die Konkurrenz Frankfurt speilte auch die Ferne von der innerdeutschen Grenze und damit zur sowjetischen Präsenz eine Rolle, zumal westlich des Rheins, den man in einem Kriegsfall für eine wichtige natürliche Grenze hielt.
Die wiedergefundene Einheit 1990 mit der neuen alten Hauptstadt Berlin war ein unverhofftes Geschenk der Geschichte, auch wenn man im Nachhinein meint, dass das so “kommen musste”. Dreieinhalb Jahrzehnte danach, fast so lange wie die Teilung, ist materiell vieles “zusammengewachsen, was zusammengehört”, nach dem hoffnungsvollen Wort von Willy Brandt, und wenn es im Osten nicht überall “blühende Landschaften” gibt, nach dem Wort von Helmut Kohl, so im Westen auch nicht. Während jedoch die materiellen Unterschiede immer geringer werden, werden die mentalen immer größer. Ist dieses Phänomen bislang ausreichend analysiert und verstanden worden?
Die rekaitulierende Vorbereitung auf das Abitur habe ich für meine Schülerinnen und Schüler immer entlang der drei großen Achsen vorgenommen: nationale Frage, Demokratie und internationale Beziehungen. Letzteres umfasste dann wesentlich die Kriege, später dann aber die Europäische Einigung und zum Schluss die deutsche Wiedervereinigung. Wie sehr alle drei Aspekte aufs Engste ineinandergreifen, wird mir heute mit zunehmendem Abstand immer deutlicher. und dabei auch, dass die Demokratie durch verschiedene Anstöße fast immer von außen kam, obwohl oder gerade weswegen die eignen, inneren Ansätze dazu, die es auch gab, fast in Vergessenheit geraten sind.
Über all diese Dinge werden hier im Laufe der Zeit Überlegungen zum Nachdenken angestellt.
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Wolfgang Geiger
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