|
Wir wollen hier das “Schicksalsjahr” 1870/71 mit Rückblick auf seine Ursachen wie auch seine Folgen beleuchten, bevor wir zum Thema Kaiserreich kommen
Wir beginnen mit Letzterem. Das 1883 fertiggestellte, aber schon 1877 in Auftrag gegebene “Niederwalddenkmal” bei Rüdesheim am Rhein ist um Dimensionen pompöser als das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck, aber keine Lobeshymne auf den preußischen Militarismus. Gewiss, Germania wehrt den französischen Feind ab, aber als Verkörperung der “einmütigen Erhebnung der deutschen Völker”, eben kein preußischer König als Standbild. Wilhelm I. wird in einer profanen Inschrift unterhalb des Aufbaus gewürdigt, in dem er selbst, vergleichsweise bescheiden, zum Volke spricht (siehe rechts unten).
In der “Politischen Revue” der Zeitschrift Unsere Zeit, die bei Brockhaus erschien, kam am 10.10.1883 ein Bericht über die Einweihung des Denkmals am 28.9.1883 [1].nicht gezeichnet, aber sich aus der Feder ihres Redakteurs (seit 1865) Rudolf von Gottschall. Unter ihm gewann die Zeitschrift “eine entschieden liberale Gesinnung und zögerte auch nicht, einmal, wenn es ihr nöthig erschien, die ihr gesteckten Grenzen zu überschreiten”, urteilte Ludwig Salomon in der Gartenlaube 1882 [2]. In dieser “Politischen Revue” (hier unten) kommentiert der Autor: “Diese Germania ist nicht die stürmende Kriegsgöttin der Freiligrathschen Dichtung; [...] sie ist auch nicht die jubelnde Victoria sie hat nichts Frohlockendes in ihrem Wesen [...].” Dies wird auch auf einer Tafel für Besucher mit Hinweisen zum Monument zitiert (siehe unten). Über den Festakt unter Anwesenheit Wilhelms I. heißt es dann: “Die Physiognomie des Festes war eine durchaus würdige, frei von deutschen Chauvinismus, und hat selbst den französischen Berichterstattern überhaus imponirt.” (S. 794).
Der Verweis auf Ferdinand Freiligrath ist eine Anspielung auf den nach Kriegsbeginn am 25.7.1870 verfassten veröffentlichtes Gedicht “Hurra, Germania!”, in dem der ehemalige linke 1848er zum deutschen Patriotismus fand, obwohl er keinen Fuß meh rauf preußischen Boden setzten durfte und am Ende auch nicht “in preußischer Erde ruhen” wollte. {3]
Der Kommentar des liberalen Redakteurs von Unsere Zeit deutet an, dass das kritische liberale Bürgertum auch noch im Rückblick von 1883 den deutsch-französischen Krieg als notwendig betrachtete, der ja von Napoleon III. gegen Deutschland erklärt worden war und einen tatsächlich existierenden nationalistischen französischen Vorbehalt gegenüber einem einigen und entsprechend mächtigen Deutschland zum Ausruck brachte, der seit Jahrzehnten existierte und 1840 während der sog. Rheinkrise zur Dichtung der “Wacht am Rhein” führte.
Dass Bismarck in der Krise um die spanische Thronfolge den französischen Kaiser Napoleon III. gezielt und geschickt zur Kriegserklärung an Preußen verleitet hatte, wusste man noch nicht so genau, jedenfalls nicht aus Bismarcks Gedanken und Erinnerungen, die erst nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt erschienen. Die Vorfreude auf eine Reichseinigung war begrenzt, genauer gesagt: auf Preußen, denn die drei süddeutschen Staaten hatten zwar zu einem Verteidigungsbündnis mit dem inzwischen gegründeten Norddeutschen Bund geschlossen, das “Schutz- und Trutz-Bündnis”, aber das reichte ihnen auch. 1866 hatte Preußen gegen Österreich-Ungarn Krieg geführt, ausgelöst oder unter dem Vorwand eines Streits im Deutschen Bund über die Hoheit in Schleswig-Holstein, das man von den Dänen erobert hatte, aber in Wirklichkeit um die Habsburger aus Deutschland hinauszutreiben, gegen dessen nationale Einigung sie Widerstand leisteten - sie waren ja auch nicht dem Deutschen Zollverein beigetreten, der dadurch Vorstufe zur “kleindeutschen” nationalen Einigung wurde. Und Preußen hatte alle die Staaten des Deutschen Bundes nördlich des Mains, die in diesem ersten Einigungskrieg auf der österreichischen Seite standen, und sei es nur ideell, nach seinem Sieg über Österreich auch gleich zu Preußen annektiert und damit das ganze Territorium nördlich des Mains bis Sachsen auf ein paar kleinere eingesprengselte Territorien aufgesogen. Dabei hatten nicht nur katholische Staaten für Österreich Partei genommen, sondern auch protestantische, die einfach nicht unter preußische Hegemonie kommen wollten und nun ganz preußisch wurden.
Das Einigkeitsgefühl bestand vor 1870 bei den Regierenden also wenig, in den gebildeten Schichten und ihm Bürgertum eher, das dies aber gerne 1849 als Folge einer Revolution von unten gesehen hätte. Übersehen wir auch nicht dabei, dass die katholischen Bewohner der preußischen Rheinprovinz seit 1815 sich nicht damit wirklich anfreunden konnten, sondern notgedrungen. Es war also vor allem ein nachholendes Einigkeitsgefühl, das nach der erfolgten Einigung im Krieg das Preußen-Deutschland als selbstverständlichen nationalen Rahmen akzeptierte.
Bismarcks Geniestreich - das muss man ihm ohne Abstriche zugestehen -, den französischen Kaiser Napoleon III. durch eine manipulierte Erklärung des preußischen Königs im Streit über die spanische Thronfolge zum Krieg gegen Preußen zu provozieren, ist einzigartig in der Weltgeschichte. Die Franzosen wollten den unmissverständlichen Verzicht des Hohenzoller-Prinzen Leopold aus einer katholischen Linie auf den spanischen Thron, der ihm von der spanischen Cortés (Parlament) angetragen worden war, durch den preußischen König bestätigt sehen. Die Verkürzung der Mitteilung des Königs in einer von Bismarck aus dem Original heraus redigierten Pressemitteilung, die “Emser Depesche”, musste wie ein Affront Napoleons III. wirken und tat dies auch. Wir haben dies ausführlich auf der Seite Emser Depesche des Geschichtslehrerforums dokumentiert.
Es war auch ein Affront gegen seinen eigenen König Wilhelm-Friedrich, dessen Ministerpräsident er war, denn das hatte er nicht beabsichtigt. Doch Bismarcks damit verbundenes Kalkül, die drei süddeutschen Staaten, die mit Preußen in einem “Schutz. und Trutz-Bündnis” verbunden waren, nicht nur mit den Verteidigungskrieg zu ziehen, zu dem es der Kriegserklärung durch Frankreich bedurfte, sondern im Schwung des Sieges dann auch in die Reichsgründung zu führen, die durch die Proklamation des preußischen Königs zum Kaiser Wilhelm I. mitten im Herz des Feindes, in Versailles, stattfand - all dies ging wie durch ein Wunder in Erfüllung.
Wird fortgesetzt...
11.4.2026
|