
Ossi-Wessi Forum zur deutschen Geschichte und Gegenwart
Die (Wieder-)Vereinigung und die Folgen
Inhalt
1. Kritischer Rückblick aus Wessi-Perspektive. Wolfgang Geiger
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Kritischer Rückblick aus Wessi-Perspektive Wolfgang Geiger Vereinigung oder Wiedervereinigung? Damit geht es schon los. Offiziell sollte man damals im Westen “Vereinigung” für den Prozess und “Einheit” für das Resultat sagen, die Fernseh- und Rundfunknachrichten hielten sich so einigermaßen daran. “Wiedervereinigung” hatte einen nationalistischen Geschmack und vor allem auf der Linken im weiteren Sinne, zu der ich auch zählte, roch das nach “Anschluss” . Aber nicht vergessen werden darf, dass auch das Ausland vor der Wiederkehr des “alten Deutschland” Angst hatte. Vereinigung suggerierte zwei gleichberechtigte Partner und so sah es am Anfang ja auch aus, mehr noch: Die treibende Kraft war ja der Osten gewesen, angefangen mit der Erzwingung der Grenzöffnung. Dies ermöglichte, dass erst einmal physisch zusammenkommen konnte, was “zusammengehörte”, in Abwandlung des späteren Spruches von Willy Brandt. “Wir sind ein Volk!” soll angeblich vom Westen aus in die Demonstrationen gebracht worden sein [1], auch die Bildzeitung propagierte die Wiedervereinigung gleich vom Mauerfall an . Doch entweder entsprach es schon emotional, noch abstrakt, den Wünschen der meisten Ostdeutschen oder es wurde dazu, Kowalczuk sieht “den Mehrheitswillen der Bevölkerung [...] ab Ende November.” [2]. Nach unserer Wahrnehmung kam der Wunsch zweifellos aus der Mitte der Demonstranten - was nichts über die Mehrheitsmeinung sagte, aber ein deutliches Zeichen setzte - und nachdem der politische Übergang im Inneren lief, war es nach der Jahreswende ja auch der einzige Grund für weitere Demonstrationen. Das widerspricht aber letzten Endes nicht der Beeinflussungsthese, denn dass Kohl & Co. schon wesentlich dazu beitrugen, war uns schon klar, aber wir sahen die Initiative trotzdem vom Osten ausgehend. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte gewissermaßen die unterdrückten Wünsche im Osten aus ihrem Bann befreit. |
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2008, (C) W.G.
[1] Nach Recherchen des Deutschlandfunks, vgl. [2] Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. München (C.H. Beck) 2019, S. 43.
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Der Zehnpunkteplan Helmut Kohls vom 28.11.89 [3] schockierte uns dann schon - und auch das Ausland. Da sollte alsbald eine Konföderation der beiden deutschen Staaten kommen. Es hieß, Kohl wollte die Gunst der Stunde für Verhandlungen mit Gorbatschow nutzen, bevor sich das Zeitfenster wieder schloss. Im Rückblick meine ich, da gehörte auch die Situation in der DDR dazu. Nicht wenige dachten doch an einen demokratischen Sozialismus, den “dritten Weg”, und wie man das alles nannte, vor allem unter den öffentlich wirksamen Intellektuellen. Und die SED/PDS wollte damit auch ihren Einfluss in der Demokratisierung der Gesellschaft behalten. Dies wurde durch die Vereinigungsperspektive konterkariert. Spätestens von da an entstand aber auch der massive Druck “von unten” in der DDR. Notwendige Vorbedingung dafür auch im 10-Punkte-Plan war die innere Demokratisierung und nach der Volkskammerwahl vom 18. März wurde mit der “Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion” am 1.7.1990 der Punkt ohne Rückkehr überschritten. In Wirklichkeit galten von dieser Union nur die ersten beiden Komponenten, wie überhaupt für den ganzen weiteren Prozess, wenn man unter Sozialunion nicht nur die Zahlung von Arbeitslosengeld versteht. Die Volkskammerwahl stand schon ganz unter dem Zeichen der Vereinigung , wie Kowalczuk schreibt : “Überall würden «blühende Landschaften» entstehen, entsprach exakt den Vorstellungen der allermeisten Menschen im Osten, die sie am 18. März 1990 ihre Wahlentscheidung treffen ließen.” [4]. So haben wir das damals auch im Westen verstanden. Mit der Bildung der Regierung in der ersten und einzigen freien Volkskammer waren die Würfel schon gefallen. |
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[3] Dokumentation bei der Konrad-Adenauer-Stiftung: hier
[4] Kowalczuk, op. cit, S. 21.
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Im Westen haben wir den Mauerfall überschwänglich begrüßt: “Wahnsinn!”, der übergroße Titel der Bild-Zeitung sprach uns - einmal ist keinmal - tatsächlich aus dem Herzen. Für die Wiedervereinigung sah das anders aus. Die schon erwähnte Linke im weiteren Sinne, unter Einschluss großer Teile der SPD, sah das skeptisch aus den oben genannten Gründen. Ich selbst und viele andere auch hatten zuvor die DDR ja nicht kritisiert, weil sie sozialistisch war, sondern weil sie nicht sozialistisch war. Nachdem Utopien von einem demokratischen Sozialismus und noch nicht einmal Schritte dahin in Westdeutschland schon mit der SPD nicht zu machen gewesen waren und zudem eine konservative Wende unter der CDU/CSU erfolgt war, schien es auf einmal eine Möglichkeit dafür in einer wirklich demokratischen DDR zu geben. Wie sollte es sonst gehen? Alles war ja “Volkseigentum”. Aber das war eben der Sozialismus, der nicht nur wegen der fehlenden Freiheit diskreditiert war. So eröffnete sich eben ein anderer Weg für die DDR-Bevölkerung, die, der Mangelwirtschaft überdrüssig - vielleicht ein ebenso großes Movens wie der Ruf nach Freiheit -, leben wollte wie im Westen, und die Maueröffnung hat diese Sehnsucht nur bekräftigt. “Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!” - dieser dritte quasi “offizielle” Slogan klang dann wie eine Erpressung und sogar eine Bedrohung und war es letztlich auch. Die alte Bundesrepublik hatte ja massive wirtschaftliche und soziale Probleme, gewiss auf einer anderen Ebene, aber in der Ära Kohl die höchste Arbeitslosenquote ihrer Geschichte mit bis zu 9,3% 1985 und noch 8,7% 1988. Und für eine Flucht aus der DDR konnten wir gar keinen Grund mehr erkennen - im Gegenteil, ein massiver demographischer Aderlass stand dem Aufbau, ja sogar dem prekären Erhalt der laufenden Betriebe, geradezu entgegen, wie sich drastisch zeigen sollte. |
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Die Wiedervereinigung klang nicht nur für die links Orientierten, sondern auch für viele Demokraten der Mitte wie die Auferstehung des alten Deutschland und es gab publizistisch auch genügend Töne in dieser befürchteten Richtung. Das Spiel Kohls mit der Oder-Neisse-Grenze vor den 2+4-Verhandlungen war der beste Beweis dafür. Da gab es eine Einforderung von Rechten für die Vertriebenen, wobei ein Rückkehrrecht im geistigen Ohr zumindest anklang. Und dann Berlin: Dass es zur neuen Hauptstadt würde, lag auf der Hand, aber die deutsche Hauptstadt ein paar Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, das war schon deren Infragestellung per se. Man brauchte das nur auf der Karte anzusehen: Das sollte der Mittelpunkt des neuen Deutschland sein? Im Übrigen gab es damals auch eine Zeit lang eine Diskussion, ausgehend von der CDU/CSU, dass man von Mittel- und nicht von Ostdeutschland sprechen solle. Der MDR ist noch ein Resultat davon, heute ist das bedeutungslos, damals war es das nicht. Solches ging mir durch den Kopf. Aber Kohl war clever genug um zu wissen, dass hier den Bogen zu überspannen die Wiedervereinigung torpediert hätte. Der französische Präsident Mitterrand stellte ihm ein entsprechendes Ultimatum. Tatsächlich ging es Kohl wohl darum, so sehe ich dies heute, sich und seine Partei, die gegen die Ostverträge gewesen war, ins rechte Licht zu rücken, dass sie ihre Meinung nicht geändert hatten, jetzt aber auf einen Verzicht bereit waren um somit auch ein Opfer für das Abkommen zu bringen, nicht nur davon zu profitieren. Aber damals klang das eben nach Revanche, die nur, ein letztes Mal, die Alliierten unterbanden. |
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Die erste und letzte frei gewählte DDR-Regierung ging formal als gleichberechtigter Verhandlungspartner in die Einigungsverhandlungen und real als Unterlegener ohne nennenswerte Mitsprache raus. Man erinnere sich, wie wenigstens das grüne Ampelmännchen “gerettet” wurde! Die Bürgerrechtler, die Akteure der Wende, spielten keine Rolle mehr mit nur 20 Abgeordneten für Bündnis 90. Die anderen hatten sich in die ehemaligen Blockparteien integriert, die vormals die Melodie der SED spielten und jetzt die ihrer Mutterparteien im Westen. Letzteres ließ ersteres verzeihen und vergessen. Ansonsten gab es eben auch gute Gründe, voll auf den Westen zu setzten, ohne dessen Hilfe es nicht ging. Das “ob” stand nicht mehr zur Diskussion, das “wie” hätte es aber sein können. Die Verantwortung dafür, wie es lief, liegt aber auf beiden Seiten. Etwas Eigenständiges entstand nicht, die SED-Nachfolgepartei stand gegen die “West-Block”-Parteien. Wie konnten da Verhandlungen auf Augenhöhe stattfinden? Es erschien mir in der Konsequenz aber nicht mehr wie eine Unterwerfung durch den Westen, sondern wie eine Selbstunterwerfung durch den Osten. -So sah ich das. |
Wahlplakat Berlin-Mitte, Chausseestr. 36. Fot:o ChickSR Wikipedia |
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Die von Kohl einen Monat vor der Wahl in Aussicht gestellte D-Mark hatte gesiegt. Wie konnte es auch anders kommen? Das wurde mir dann schon klar. Nur die Versprechungen “Blühende Landschaften innerhalb von fünf Jahren” waren ungeheuerlich, gab es die doch nicht einmal, relativ gesehen, in Kohl-Land. Kohl hat auf die Ostdeutschen gesetzt um seine Wiederwahl bei der Bundestagswahl 1990 zu sichern und der “Kanzler der Einheit” hat gewonnen. Im Westen war das Ansehen der Regierung vor dem Mauerfall nämlich selbst im freien Fall gewesen... Im getrennten Abstimmungsgebiet fielen die Grünen im Westen wieder unter die 5%-Hürde, ein Schock, doch auch sie wurden durch den Osten gerettet, weil Bündnis 90 in den Bundestag einzog. Die Vereinigung selbst hatte gleich ihre politischen Wirkungen auch auf West- und damit Gesamtdeutschland. |
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Die Ostdeutschen mussten optimistisch sein, was hätte es denn als Alternative gegeben? Kapitalismus lässt sich nicht ohne Kapital aufbauen und selbst die vorher erfolgreichen Betriebe gerieten in der vollkommen neuen Situation unter Marktbedingungen in erhebliche Schwierigkeiten. Der Westen half durch Geld auf Schuldenbasis und forderte dafür die sprichwörtlich gewordene Abwicklung (nomen est omen) der ostdeutschen Industrie. Natürlich war diese nicht konkurrenzfähig mit den westdeutschen und internationalen Konkurrenten. Dafür expandierte nun die westdeutsche Industrie durch Exporte nach Ostdeutschland, dank der durch die DM-Einführung entstandenen Kaufkraft und des dadurch zumindest vorübergehend erzeugten Booms im Westen: Sonderschichten wurden geschoben, die Arbeitslosigkeit sank, im Osten stieg sie, die weitere Abwanderung der Ostdeutschen und gerade der Jüngeren wurde nicht gebremst sondern dadurch noch verstärkt. Sie wollten den Kapitalismus, sie haben ihn bekommen, sagte ich damals oft. Natürlich wussten sie nicht, was auf sie zukommt, doch sie wollten auch nicht hören außer auf die Melodie des Wunderpredigers Kohl. Oskar Lafontaine, damals SPD-Chef, führte den Bundestagswahlkampf 1990 mit den Warnungen vor den Kosten der Wiedervereinigung, sachlich richtig, aber was wollte er damit? Das klang im Westen wie “die Wiedervereinigung wird uns zu teuer” - aber was folgte daraus? Im Osten war klar, dass das für sie nur negativ sein konnte. (Übrigens hatten sie auch schon mal einen Saarländer, dieses Bonmot hat sich auch schnell im Westen herumgesprochen). Doch auch die ostdeutschen Landesregierungen haben nach der Vereinigung weiter mitgemacht. Hatten Sie eine andere Wahl? Nein, aber weit mehr Spielraum, als sie ihn genutzt haben. |
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Hinzu kam ja dann auch die “Umerziehungs”-Attitüde, die der Westen gegenüber dem Osten einngenommen hat, Entwicklungshilfe musste geleistet werden, in allen Bereichen. Heerscharen von “Experten”, die den Westen gut kannten, aber nicht den Osten (woher auch?), wurden in den Osten geschickt wie Missionare mit “Buschzulage”, wie das hieß, und was ja Dirk Oschmann vor kurzem ausführlich zu seiner These von der Kolonialisierung ausgebaut hat. [5] Aber im Kolonialismus hat der Kolonisierte nie eine Mitsprache. Auf der politischen Ebene jedenfalls gab es sie und in der vielgescholtenen Treuhand - auch so ein emblematisches Wort - waren doppelt so viele Ostmitarbeiter als aus dem Westen, denn man brauchte schon Leute, die sich genau mit der Lage auskannten. Die Treuhand für alles Negative verantwortlich zu machen übersieht willentlich, dass sie nur politische Vorgaben in die Praxis umsetzte. Der “Aufbau Ost” hieß für die Industrie weitgehend erst mal Abbau, selten um etwas Neues an die Stelle zu setzen, jedenfalls im ersten Jahrzehnt. Ein besonders krasser Fall war das “Kali-Drama” (Kowalczuk) : Die westdeutsche K+S kaufte ihre einzige Konkurrentin im Osten auf und entließ dann fast alle ostdeutschen Arbeiter. Darüber ist viel geschrieben worden, ich gebe nur wieder, was auch im Westen einen Eindruck vermittelte, wenn man ehrlich zu sich selbst war, dass diese Art des “partnerschaftlichen Zusammengehens” {6] symptomatisch für das Ganze war: “Abwicklung” statt Entwicklung. Bei ca. 2 Billionen Euro (oder etwas weniger) Netto-Transferleistungen - die Berechnungen sind erstaunlich unterschiedlich, selbst angesichts der komplexen Materie - ging der größte Teil in die Sozialleistungen, darunter Arbeitslosigkeit und Frühverrentung, die eben auch ein Resultat der Vereinigungspolitik waren. [7] Schon zu Beginn und ohne die Langzeitfolgen zu ahnen, sagte ich mir damals, dass man mit demselben Geld auch diejenigen unter den Betrieben, die nicht ganz so schlecht dastanden und noch zu retten gewesen wären, für ihre Modernisierung unterstützen konnte statt sie plattzumachen: besser Arbeit subventionieren als Arbeitslosigkeit. Aber wie alle Entwicklungshilfe war auch diese nicht zuletzt eine für sie selbst, d.h. hier für einen “Aufbau West”. |
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[5] Dirk Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung.
[6] Kowalczuk, op. cit., S. 125f. (Abschnitt “Das Kali-Drama”). [7] Deutscher Bundestag: Trans- ferzahlungen an die ostdeutschen Bundesländer, 2018, www.bundestag.de - Vgl. auch die Doku des MDR mit anderen Zahlen und Bewertungen. (Zur Darstellung ließe sich einiges sagen, aber nicht hier): Wer bezahlt den Osten? Die Dokumentation, 7.12.2020, Webseite und Video |
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Das erlebte ich 1989-98 auch aus der Ferne, in Frankreich, wo ich zuerst als Deutschlektor (Sprachunterricht) an der Universität Nantes und dann in Clermont-Ferrand war. Über das ZDF, das wir dort sehen konnten, über die taz und die Die Zeit, die wir abonniert hatten, und die häufigen Heimaturlaube haben wir das glaube ich aber ganz gut mitbekommen. Und dazu die Ressentiments in Frankreich gegenüber der “Rückkehr Bismarcks”, was noch harmlos war gegenüber dem “IV. Reich” - alles Buchtitel und nur zwei von vielen. 1998 konnte ich dann auf Arbeitssuche - eine Lehrerstelle in Hessen war immer noch nicht in Aussicht (2. Staatsexamen 1986!) - an ein Berufliches Gymnasium nach Aue im Erzgebirge gehen, wo ein Französischlehrer gesucht wurde. Wider Erwarten ging das nach einem Jahr schon zu Ende, weil es mit Hessen dann doch überraschend geklappt hat. Die Erfahrungen dieses Jahres waren sehr eindrücklich, positiv mit den Kollegen (stark männlich dominiert),. und überhaupt “Land und Leute”. Es kam mir vor, als wäre ich der einzige Wessi in der Stadt, niemand kannte auch einen anderen. Die 25% Arbeitslosigkeit zeigte sich aber auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, im beruflichen Teil der Schule, wo ich auch Deutsch und Sozialkunde unterrichten musste, und zwar jungen Leuten, die kaum berufliche Aussichten danach hatten, und von denen eine ganze Gruppe noch nicht mal einen Schulabschluss mitgebracht hatte sondern erst das Äquivalent nachholen musste. |
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Hier zeigten sich dann auch die neonazistischen Skinheads mit entsprechendem Outfit auch in der Schule; inwiefern dies nur modehaft “in” war oder ideologisch durchdrungen, sei einmal dahingestellt, aber entsprechende Äußerungen gab es schon. Auch auf der Straße, wenn man sich stritt und mit “Du Jude!” anfeindete, was ich oft genug gehört habe. Ja, und Jahre zuvor haben uns natürlich auch schon die manifesten Erscheinungen des Rechtsextremismus mit den Überfällen auf Heime von Asylsuchenden, am gravierendsten die Inbrandsetzung mit jubeldem Straßenpublikum in Hoyerswerda. Damals begann auch die Diskussion, die heute noch anhält, ob der Osten schlimmer ist als der Westen, wo es auch entsprechende Anschläge gab, ob das “vom Osten kommt” und im Westen Gleiches zum Leben oder aus dem Schlaf erweckt hat usw. Klar war mir aber auf jeden Fall, dass man vieles im Westen nicht so in der Öffentlichkeit gesehen hatte und dass die rechtsextreme Szene vom gesellschaftlichen Umfeld stärker isoliert war.
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Die Vergleiche der beiden Nach-Diktaturen-Zeiten: 1945-49 im Westen und ab 1989 im Osten, die angestellt wurden, sind oft auf die mentalitätsgeschichtliche Ebene zu sprechen gekommen, aber nicht so, wie ich es im Rückblick heute sehe. 1. In beiden Fällen ging die Diktatur durch einen Einfluss von außen zu Ende, verlorener Krieg 1945, Freilassung aus sowjetischer Herrschaft 1989. Doch das war nicht dasselbe. Die innere Befreiung geschah in der DDR durch das Volk, während mindestens die Hälfte der Westdeutschen nach dem Krieg noch ein Problem mit der neuen Demokratie hatten. [8]. Doch glaubte man nun, die Ostdeutschen seien durch die Erfahrung zweier Diktaturen noch viel mehr der Demokratie entfremdet worden und bräuchten analog eine “Umerziehung” wie damals die Westdeutschen, vielleicht sogar noch intensiver? Dabei wird vergessen, dass die Ostdeutschen Westdeutschland immer als Vergleich vor Augen hatten, egal, was sie im Einzelnen vom Kapitalismus und von ihrem Sozialismus hielten. Außerdem war 1953 auch im Osten nicht vergessen.] |
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[8] Cf. Anna J. Merritt / Richard L. Merritt: Public Opinion in Occupied Germany. The OMGUS Surveys, 1945-1949. Urbana / Chicago / London (Univ. of Illinois Press) 1970. (Online im Internet Archive) |
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Plakat eines historischen Rundgangs durch Leipzig (Gemeinfrei), 20.9.2023. W.G.
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2. “Alles war kaputt” ist eine noch lange von der Trümmergeneration im Westen erzählte Wahrnehmung der Lage, die, wie wir wissen, so nicht der tieferen Realität entsprach, die sich einem aber angesichts des Zustandes der meisten Städte aufdrängte. Entsprechend wurde in westlicher Sicht 1989 auch in der DDR “alles kaputt” gesehen, ich erinnere mich noch genau an entsprechende Vorstellungen vor allem der älteren Generation. Außerdem konnte ja die sozialistische Planwirtschaft als solche schon nichts Gutes hinterlassen. Also: Am besten Tabula rasa und alles neu! (Das erste geschah, das zweite dauerte...) 3. Daran anschließend: Im Westen begann ja nach der Währungsreform und durch sie das “Wirtschaftswunder” - was keines war, sondern reale Gründe hatte - und so wurde es jetzt auf den Osten übertragen: mit dem neuen Geld die wundersame Verwandlung. Die fünf Jahre, die Kohl propagandistisch veranschlagte, waren durchaus eine weitverbreitete Meinung (- nicht meine). |
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Die Illusionen waren also teilweise dieselben hüben und drüben. Aber dann kam noch was dazu. Während im Osten das Bild vom “Besserwessi” entstand, entstand im Westen das Bild vom ”Jammer-Ossi”. Der fehlende Aufschwung, die gravierende Ungleichheit der Lebensbedingungen, die ständig weitergehende “Subventionierung des Ostens” wurde größtenteils dem Osten zur Last gelegt, Selbstkritik im Westen gab es kaum. Was ich bis heute nicht recht verstehe, ist, warum es nach den ersten Streiks bei der Abwicklung der Betriebe Anfang der 1990er Jahre später angesichts der so massiv steigenden Arbeitslosigkeit keine nennenswerte Protestbewegung gab, während sich heute eine “Ost-Identität” mit zumindest teilweise massiver Distanzierung vom Staat entwickelt, wo die Lebensverhältnisse zwar immer noch nicht gleich sind aber doch entscheidend viel besser als damals und die Arbeitslosenquote sich nur noch wenig unterscheidet. Wolfgang Geiger, 5.5.2025
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“Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm - beim Wessi isses andersrum.” hörte ich damals von Kollegen in Aue und ich habe herzlich mitgelacht.
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