
Ossi-Wessi Forum zur deutschen Geschichte und Gegenwart
Rezensionen von Publikationen
und Besprechungen aller Art (Webseiten, Filme, Veranstaltungen etc.)
Zum Einstieg:
In Geschichte für heute, der Zeitschrift des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands VGD im Wochenschau-Verlag, erschienen in Heft 2/2024 Doppel-Rezensionen (Ossi-Wessi) von neuen Büchern aus dem Osten: “Ein Buch, zwei Besprechungen”. Meine Besprechung von Dirk Oschmann, “Der Osten, eine westdeutsche Erfindung”, gebe ich hier wieder.
Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung. Berlin (Ullstein) 2023.
Das Buch hätte eine profunde Anklage westdeutscher Überheblichkeit, Diskriminierung und Bevormundung der Ostdeutschen werden können – Teil einer historischen West-Ost-Diskriminierung in Europa (S. 74ff.) –, wenn der Autor selbst nicht genauso verfahren würde: „herablassend, selbstgefällig, ahistorisch und selbstgerecht“ (S. 31). Von Arnulf Barings neonationalistischem Deutschland – was nun? 1991, in dem dieser eine „langfristige Rekultivierung […], eine neue Ostkolonisation“ für nötig hielt, bis zum Spiegel 35/2019: „So isser, der Ossi“, gelingt Oschmann eine bedrückende Auflistung von negativen, polemischen, ja diffamierenden Darstellungen Ostdeutschlands und seiner Bewohner (S. 34), mit sehr vielen autobiographischen Erfahrungen darin.
Es hätte ein Beitrag zur kritischen Analyse werden können, wenn sich der pauschalisierende Anklagemodus mit ständigen Wiederholungen nicht von einem Kapitel zum nächsten durchzöge und der Autor sich nicht noch in die letzte Niederung der Gegen-Ressentiments herabließe: „Sagt ein Westdeutscher zu einem Ostdeutschen, dem er die Frau ‚ausgespannt‘ hat: ‚Erst haben wir euch euer Land weggenommen, dann eure Arbeit, jetzt eure Frauen.‘“ (S. 16). Das wäre einer jener sarkastischen Wessi-Witze im Osten gewesen, wie ich sie schätze, doch für Oschmann ist das total seriös: „Kürzer und schöner lässt sich Makrohistorie nicht in Mikrohistorie übersetzen.“ Und inwiefern die Frauen? „Um ein Vielfaches höher“ sei die Zahl der westdeutschen Männer, die eine ostdeutsche Frau geheiratet haben, als umgekehrt, es gehe dabei „nicht nur um Liebe“, denn die ostdeutschen Männer können an „Position, Vermögen und Karriereaussichten“ nicht mithalten. Sind die Frauen deswegen so massiv in den Westen gegangen? „Auch der Heiratsmarkt spielt eine Rolle.“ (S. 36). So etwas diskreditiert nicht nur die Intention des Autors, sondern auch die ostdeutschen Frauen.
Auch die reale Benachteiligung der Ostdeutschen, allgemein durch die „Abwicklung“ bekannt und vom Autor auch an den heute noch fast durchgängig von Wessis besetzten ostdeutschen Lehrstühlen in Germanistik und Geschichte exemplifiziert – er selbst hat den einzigen in der Germanistik (Leipzig) –, verdient eine ernsthafte Kritik und hinsichtlich der akademischen Karrieren geschieht es hier auch. Aber gewiss nicht, wenn Ostdeutschland mit einer der einstigen Kolonien gleichgesetzt und die Ostdeutschen als Opfer eines ebensolchen Rassismus dargestellt werden – auch wenn die „Buschzulage“ in der Tat zynisch daran anknüpfte. Mehr noch: Der Terminus „Aufbau Ost“ sei dem Ost-Programm Hitlers entlehnt und spiegele dessen Geist wider (S. 52ff.).
Wes Geistes Kind…: Den Ossis werde vorgeworfen, sie seien „diktatursozialisiert“, „kollektivistisch abgerichtet“, wo doch die Wessis „in einem Land sozialisiert wurden, in dem bis zur Wiedervereinigung in etlichen gesellschaftlichen Teilbereichen die Nazis das Sagen hatten.“ (S. 46). Ja, aber nicht als Nazis, sondern indem sie in der neuen Demokratie Unterschlupf gefunden hatten, in der DDR dagegen war die Demokratie das Aushängeschild der Diktatur.
Es soll ein Buch über den Westen sein, es ist aber auch eines über den Osten.
Wolfgang Geiger Frankfurt am Main
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