Ossi-Wessi  Forum zur deutschen Geschichte und Gegenwart

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Demokratie in West und Ost nach den Umbrüchen.
Gedankenstichpunkte im Fließtext

Wolfgang Geiger
 

Vorbemerkung:

Ob und inwiefern die Deutschen fähig oder unfähig - eher letzteres - zur Revolution und zur Demokratie waren, ist inzwischen eine lange Debatte über viele Jahrzehnte mit unterschiedlichen Antworten und Erklärungen - vor allem unterschiedlich zwischen Ost- und Westdeutschland, aber auch in Westdeutschland selbst.
     In der Schule wurde ich immer damit konfrontiert, dass die Schülerinnen und Schüler überzeugt waren, dass letztlich erst die Alliierten, sprich die Ameríkaner, den (West-) Deutschen die Demokratie eingebläut hätten (Reeductation). Damit verbunden ist die Vorstellung von der Weimarer Republik als “ungeliebte Republik”, “Republik ohne Republikaner” etc., wie dies auch massiv in den Lehrbüchern enthalten war und noch ist [1]. Dass die Demokratie den (West-) Deutschen nach dem 2. Weltkrieg auferlegt wurde und diese sie dann eben akzeptiert hätten, prägt die Vorstellung von der Nachkriegszeit und der Entstehung des Grundgesetzes. Dabei wird der  Beitrag der Deutschen, hier immer nur auf den Westen bezogen, die aktiv an der Neubegründung der Demokratie mitwirkten, und zwar auch eigenständig und zum Teil auch noch in Kontroversen mit den Alliierten, massiv unterschätzt.
     Ähnliches gilt für die Ostdeutschen 1989/90. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung wird quasi als “Geschenk Gorbatschows” empfunden - im Westen, wohlgemerkt. Natürlich waren in beiden Fällen die politischen Rahmenbedingungen entscheidend, aber was dann unter diesen Bedingungen geschah, war die Aktion der Deutschen selbst, und das bei der Wende im Osten umso mehr..
     Unabhängig davon ist zu beurteilen, wie weit die Westdeutschen damals zur Demokratie standen, angesichts der von den Amerikanern durchgeführten Umfragen, wonach dies nur für ca. 40% zutraf, und dies bis 1949 {2}.
Der nachfolgende Text ist ein für diesen Zweck hier überarbeiteter Auszug aus einer Analyse der politischen Debatte in der Nachkriegszeit in Westdeutschland aus einem anderen Anlass heraus. [3].

[1] Wolfgang Geiger: Zum Scheitern verurteilt? Das Bild von der Weimarer Republik (nicht nur) in Schulbüchern und die Konsequenzen für den Geschichtsunterricht, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 3-4/2019, S. 165-177.
[2] Cf.  Anna J. Merritt / Richard L. Merritt: Public Opinion in Occupied Germany. The OMGUS Surveys, 1945-1949. Urbana / Chicago / London (Univ. of Illinois Press) 1970. (Online im Internet Archive).

[3]  „Wie  schlecht wir es machten, als wir noch handeln konnten…“ –Fritz von Unruh, Eugen Kogon und die Lehren aus der Geschichte. Historischer Kontext und politische Aktualität. Begleittext zu Fritz von Unruh: Rede an die Deutschen, mit einem Geleitwort von Eugen Kogon. Frankfurt/M. (Verlag der Frankfurter Hefte) 1948 .Kommentierte Neuauflage, Online-Ausgabe,Textband, herausgegeben von Wolfgang Geiger, Begleitband Materialien, herausgegeben von Christoph Schlott. https://www.eugen-kogon-gesellschaft.de/1948-paulskirche/
 

Demokratie in West und Ost nach den Umbrüchen

Nun kann man sagen, die Westdeutschen sind auch ohne ausreichende innerliche Überzeugung zu Demokraten geworden, unter dem Zwang der Verhältnisse… – weil sie es nicht von sich aus konnten, schwingt da mit. Ist dies eine sublimierte Kollektivschuldthese, die zur Kollektiventschuldigung wird? Der Beginn der Weimarer Republik und ihr Funktionieren bis 1930 hat die These von der Demokratieunfähigkeit widerlegt. Und es waren nicht primär die Wähler, die sie dann in den Abgrund gestürzt haben, sondern zuerst die Gewählten, in Verbindung mit einer Verfassung, für die man keinen Schutz gegen ihren Missbrauch vorgesehen hatte.

Auch der demokratische Neuanfang nach 1945 in Westdeutschland war weitaus mehr eine deutsche Aufbauleistung, als es immer mit Verweis auf die Besatzungsmächte minimiert wird.  Ähnliches gilt auch für die Wende in der DDR 1989 und die dann mit großer Zeitverzögerung und der Erfahrung einer zweiten Diktatur in der Bundesrepublik ankommenden Ostdeutschen. Doch während die friedliche Revolution ein grandioses Zeugnis des Freiheitswillens war und der Mauerfall keineswegs ein „Versehen“ oder die Folge des „Versprechers“ von Schabowski bei der Pressekonferenz am 9.11.1989, wirft die politische Entwicklung drei Jahrzehnte danach erhebliche Fragen auf – aber nicht nur in Ostdeutschland.

Es stimmt, dass es immer einfacher war und ist, dem Druck der äußeren Verhältnisse zu folgen: Das Korsett der Demokratie hat die Deutschen im Westen erst gestützt und dann geformt und vor allem die nachwachsenden Generationen. Dies geschah lange Zeit und selbst in schwierigeren Phasen eher in der Schönwetterperiode der Demokratie als bei Unwetter. Doch gerade in schlechten Zeiten ist die Demokratie noch viel notwendiger als in guten.

Den Ostdeutschen hat dieses Korsett vielleicht gefehlt, insofern, als es sie institutionell zwar stützte, aber nicht in demselben Maße innerlich formte wie seinerzeit die Westdeutschen: Sie mussten von außen im Krieg befreit werden und gingen schuldbeladen - kollektiv gesprochen, aber nicht im Sinne der Kollektivschuldanklage gemeint - in die neue Demokratie.  Die Ostdeutschen hatten, gewiss auch dank günstiger äußerer Rahmenbedingungen, ihre Befreiung durch die Revolution selbst bewirkt. Sie wurden damit übergangslos von einer Totalbestimmung ihres Daseins durch den SED-Staat in eine Freiheit gestürzt, die sie trotzdem wieder zu Objekten der Geschichte machte und nicht die freien, sich selbst bestimmenden Subjekte auf Augenhöhe mit dem Westen bleiben ließ, die sie einen Moment lang 1989/1990 waren. Da vereinigte sich ein Fünftel Ost mit vier Fünftel West zu einem neuen Ganzen.

Einigkeit_macht_starkSinnspruch aus älterer Zeit an einer Hausecke in der Leipziger Innenstadt. W.G. 2023

 

 

 

 

 

So waren sie im vereinten Deutschland auch quer durch die Parteien (mit Ausnahme der PDS) repräsentativ nur eine Minderheit und zudem auch materiell-finanziell von der West-Mehrheit abhängig, die im Bundestag die Politik bestimmte. Doch hätten die ostdeutschen Länder im Bundesrat ihre Stimmen noch mehr zu manchem Thema erheben können. Die aus dieser nicht nur aufgezwungenen Abhängigkeit mit 30 Jahren Verzögerung entstehende Propaganda von der „kolonialen Unterwerfung“ durch die Westdeutschen hätte besser in die Jahre des „Aufbaus Ost“, die “Abwicklung”,  gepasst, in denen erst die Massenarbeitslosigkeit den Osten heimsuchte. Doch die Charakterisierung mit diesen Worten („koloniale Unterwerfung“) wäre auch damals massiv übertrieben gewesen: “Kolonial”  ist noch mal was ganz Anderes.

Aber heute sind diese schlimmen Zeiten vorbei und die Ressentiments gegen den Westen und die Bundesregierung wachsen offenbar mit der Distanz dazu. In unzähligen TV-Umfragen auf der Straße, die ich gesehen habe, was die Leute denn an „denen da oben“ zu kritisieren haben, kam keine einzige wirklich konkrete Antwort („Die machen doch, was sie wollen“ – „Die hören nicht auf das Volk“ etc), allenfalls einen Hinweis auf den “abgehängten” ländlichen Raum. Dies ist kein unbedingt ostspezifisches Problem, wird aber offenbar so empfunden. Denn “die da oben”  sind Wessis - oder?

Und so entstehen Ressentiments wie der Ausdruck eines Phantomschmerzes über etwas Verlorenes, der sich aus einer diffusen aber pauschalen Kritik der Politik zur Systemkritik steigert, die es wohlgemerkt aber nicht nur im Osten gibt,  dort aber mit einer spezifischen ostdeutschen Identität verbunden. wird. “Die zweite und die dritte Generation nach der Vereinigung rächen die Großeltern, indem sie die AfD wählen“, formuliert es der Historiker Wolfgang Benz [4]. Ist es so?

Für die Westdeutschen gilt diese Erklärung nicht und doch folgen sie auch diesem Trend, nur schwächer, vielleicht nur verzögert. Während die Gewöhnung an diese Demokratie mit ihren Unzulänglichkeiten im Osten offenbar schwerfällt, ist die Demokratie in Westdeutschland aber offensichtlich aus der langen Gewohnheit daran so selbstverständlich geworden, dass sie für viele Westdeutsche nicht mehr selbst-verständlich ist, für die einen aus einer Art Überdruss, für die anderen aus Gedankenlosigkeit.
Das alles bedingt auch, dass für Viele schon gar kein Konsens mehr darüber existiert, was Demokratie genau ist und wann und wodurch sie bedroht wird.

[4] Wolfgang Benz: „Mich beschleicht Unbehagen“. Interview mit Rainer Schmidt, in: Frankfurter Allgemeine Quarterly Weekend 2/25, S. 17.

Wolfgang Geiger. 2.5.2025

 

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