
Ossi-Wessi Forum zur deutschen Geschichte und Gegenwart
Aktuell
►Nationalismus und Ost-Identität: Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt - hier unten im Anschluss
“Vom Osten lernen”? / Aufruf zur “Lega West”?
Grundsätzlich zur Debatte siehe auch unsere >>Hinweise/Medien
Im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt spitzt sich nicht nur die Auseinandersetzung um die AfD zu, sondern direkt damit verbunden auch der neue “Ost-West-Konflikt”. Die sachsen-anhaltinische AfD ruft dazu auf_ “Ostdeutschland als Vorblld für ganz Deutschland vrestehen!” während man immer noch von Ossis hören kann, dass es kein “spezifisch ostdeutsches Problem” AfD gebe. Natürlich ist es ein gesamtdeutsche Problem. Aber seit ihrer Gründung hat die AfD im Ostenimmer doppel so viel Resonanz als im Westen.
Am 13.8. startete Reinhard Bingener in der FAZ eine Debatte in der Debatte: “Wehe, wenn der Langmut im Westen endet.” (FAZ). Das klang schon (be)drohend und paternalistisch. Noch radikaler die “Ruhrbarone” (vgl. Wikipedia): “Der blaue Osten. Jetzt endet die westdeutsche Geduld”. Mehr daraus will ich gar nicht zitieren. Und so Nicolaus Blome in der Bild-Zeitung am 17.8.: “Dann macht euer Zeug halt allein.” - “Wenn die AfD und ihre vielen Wähler die Ex-DDR zum wahren Deutschland verklären wollen, ist es Zeit, dass der zahlende Westen dagegenhält.”
Sabine Rennefanz konterte am 18.8. im Spiegel gegen den “Aufstand der Jammerwessis”: “Die Wut der Ostdeutschen ist seit der Wende immer wieder problematisiert worden. Jetzt kommt der Zorn von der anderen Seite..”
Der abgetretene Ministerpräsident Reiner Haseloff schlägt nach Westen zurück, indem er erklärt “Die AfD ist eine Westpartei”, in der Zeit vom 17.8. (nach dpa), “Sie ist aus der westdeutschen Elite hervorgegangen, die führenden Köpfe sind fast alle Westdeutsche, und sie liegt auch im Westen sehr deutlich vor allen anderen Parteien.”. Tatsächlich liegt die AfD im Bundestrend mit 28% vor der sehr fallenden CDU mit 20%, aber hat Haseloff das für den “Westen” gehalten? Die Länderumfragen sehen anders aus. In keiner Umfrage 2026 lag die AfD in einem Westland auf Platz 1 (vgl. https://dawum.de/). Auch der weitaus niedrigere Bevölkerungsanteil im Osten kann mit ca. 20% mehr AfD-Stimmen die Bundesumfrage entsprechend beeinflussen. - Die führenden Köpfe der AfD sind mehrheitlich Westdeutsche, das ist richtig, denn die Ostdeutschen sind an der Bundesspitze nicht präsentabel (Ausnahme Tino Chrupalla) - noch nicht. Doch der Samen aus dem Westen fiel im Osten auf fruchtbareren Boden und gedeiht dort auf jeden Fall schneller, ob auch höher als im Westen, ob es dort also eine Grenze geben wird, wird sich zeigen. Eine dümmere Selbst-Entschuldigung kann es allerdings kaum geben. Umgekehrt könnte man sagen: Die AfD hätte im Westen keine Chance gehabt, wenn sie nicht im Osten ihre ersten Wahlerfolge gehabt hätte.
“Die AfD ist kein Ostproblem” kann dagegen auch ein Wessi in einer renommierten West Zeitung schreiben, Christian Endt in der Zeit vom 19.8.: “Bei jeder Wahl im Osten des Landes fragt man im Westen, was da drüben nur los sei. Das verstellt den Blick auf die eigentlichen Gründe und Verantwortlichkeiten.”
Auch nicht ohne der Titel von Magnus Brechtken, stellvertretender Diraktor des Instituts für Zeitgeschichte München: “Viele Westdeutsche habe mittlerweile die Nase voll” in der FAZ vom 21./22.8., wobei der Inhalt über weite Strecken nicht so oolemisch ist. Dagegen, auf Bingener antowrtend, in derselben FAZ om Sonntag “Wir können uns eine ‘Lega West’ genauso wenig leisten wir eine Ostdeutschtümelei” Steffen Mau. Der neutral formulierte Titel verbirgt etwas, dass es doch hauptsächlich um die Kritik der Aufrechnungen der Transferleistungen an den Osten geht. - “Die westdeutsche Soldarität ist keine Illusion” antwortete darauf wieder Bingener auf Mau in der FAZ am 27.8.
“Über den Osten wurde schon alles gesagt. Nur nicht von jedem”, schreibt Dirk Jehmlich in der Ostdeutschen Allgemeinen am 23.8., die ein Leitmedium für Ostdeutschland werden will (Wikipedia) und zum Beitritt zum “Ostablishment” aufruft. “Die FAZ erklärt Deutschland wie gehabt: Der Westen denkt rational und demokratisch, der Osten emotional und autoritätsorientiert. Andere Medien haben mehr verstanden.”Damit meint sie sich vermutlich selbst, leider bin ich kein Abonnent und kann es deswegen auch nicht werden. - Zu diesem Problem siehe meinen Kommentar unten.
Schließlich hat auch Ilko-Sascha Kowalczuk am 27.8. darauf reagiert mit einem seltsamen Kommentar: “Die neue Ost-West-Debatte langweilt. Warum? Weil praktisch kein Argument vorkommt, was nicht bereits vor 30 Jahren zu hören war” (Facebook). Aber das ist doch ein entscheidender Punkt!! Warum wiederholt sich das unter vollkommen anderen Umständen als vor 30 Jahren? Er geht dabei vor allem auf Bingeners Kritik vom 27.8. an Mau ein (siehe oben) und wirft ihm vor: “demagogisch, unseriös, lächerlich”, weil er jenseits des Meinungsfreiraums Fakten verzerre,, ja geradezu umdrehe, die Mau gebracht hat. - Mit den Fakten ist es leider auch nicht so einfach bei diesem Thema (und auch bei anderen), meine ich, es beginnt schon damit, welche man zitiert und welche nicht.
“Der Osten ist näher am Westen, als er denkt” schreiben Anna Lea Jakobs und Marie-Louise Timcke in der SZ am 29.8. und meinen damit die sozioökonomische Angleichung, noch nicht vollständig, aber in vielen Bereichen, mit Statistiken.
“Wer jammert hier zu viel - Ossis oder Wessis?” fragen kontrastiv, aber nicht gegeneinander, Mark Schieritz und Anne Hähnig in der Zeit Nr. 37/2026, online an 28.8. Hier auch die Fakten zu Haseloffs fantasierten Wahlumfragen: “Den neuesten Erhebungen zufolge kommt sie in Ostdeutschland (ohne Berlin) im Schnitt auf 39,6 Prozent, in Westdeutschland dagegen auf 19,3 Prozent der Stimmen.”
Zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Anne Hähnig und Reinhard Bingener kam es am selben Abend des Erscheinens dieser Zeit-Ausgabe am 27.8. im ZDF bei Lanz. Ausgehend von einer Anti-West-Wahlkampagne von BSW und Linken ab 47:13. eröffnete dann Hähnig ihre Kritik an Bingener.
Probleme der Medien-Kommunikation
Alle genannten Artikel der Tages- und Wochenpresse stehen online hinter einer Pay Wall, sind also nur bei einem Abo zu lesen. Kommentare laufen über Social Media, können aber den fundierten Austausch nicht ersetzten. Dies ist ein Grundproblem des neuen Medien-Zeitalters, das nach einer Einführngs- und Verführungsphase die universelle Kommunikation doch wieder parzelliert. Das gilt wohlgemerkt generell, zu diesem Thema aber fehlt aber eine freie Plattform für diesen Austausch. Einzelne Websites gibt es gewiss, von Initiativen der einen oder anderen Art und aus der einen oder anderen Richhtung. Man mag die “Mainstream”-Medien kritisieren, aber es muss sie geben, damit sie die Aufmerksamkeit auf sich lenken und ihre Nachrichten umgekehrt an eine breite Öffentlichkeit senden können - und eben auch solche Debatten. Die Medien leben natürlich davon, dass man sie bezahlt, die Online-Präsenz ist wahrscheinlich die Rettung vor dem Untergang der Printmedien. Aber durch das Bezahlprinzip erreichen sie nur ihr eigenes Publikum, wie findet der Austausch im Internet statt, für den es eigentlich da ist?
Wessis als “Ultra-Ossis”
Nicht nur die Führung der Bundes-AfD ist extrem westlich zusammengesetzt, wie Haseloff sagt, und, fügen wir hinzu, was er nicht sagte, extrem dysproportional gegenüber dem Erfolg im Osten. Auch die Führung der “Neuen Rechten”, wie sie sich selbst nennt, hat im Osten ihre Heimat gefunden, stammt aber größtenteils aus dem Westen:
Björn Höcke ist bekannt, er stammt aus dem Rheinland und war vorher Lehrer in Hessen, doch auch der außerparlamenarische Chef der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, ist aus dem Westen. vom Bodensee, übrigens auch mit Lehramtsstudium, wurde dann aber Redakteur bei derJungen Freiheit, bis er im Clinch von ihr wegging. denn sie wollte das Label “Neue Rechte” nicht, und sein “eigenes Ding” machte - mit weit mehr Erfolg.
Und der Chefideologe der AfD in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, breit bekannt geworden durch seinen Auftritt im Landtag gegen das “undeutsche” Bauhaus (die Vokabel hat er glaube ich nicht gebraucht, aber genau so war es gemein). Der als Rumäniendeutscher mit seiner Familie nach Deutschland Ausgereiste wuchs im Schwarzwald auf. Der promovierte Islamwissenschaftler war bis 2015 in Bayreuth Akademischer Rat am Lehrstuhl für Islamwissenschaften , lebte aber seit 2000 in Leipzig, wo er nach der Gründung der AfD in den Landesvorstand aufstieg. Nach politischen Querelen 2015 zog er nach Sachsen-Anhalt und kam dort auf Platz 10 auf der Landesliste für die Landtagswahl und damit in den Landtag. in Leipzig stellte er nach seiner Ankunft fest, berichtet die Zeit über den “Deutsch-Ultra” in Nr. 37/2026, “ wie ein Erweckungserlebnis: ‘Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es hier deutscher ist als im Westen. Irgendwas gibt es hier, das dort verloren gegangen ist, auch im Umgang miteinander.’” Tillschneider bezeichnet sich selbst, schreibt die Zeit, als “Ultra-Ossi”.
Man konnte ja - oder kann immer noch? - “aus Bekenntnis” Mitglied einer Landsmannschaft im Vertriebenenverband werden, also ohne biographische Bezüge, dafür gibt es Beispiele. Für diese “Ultra-Ossis” gilt etwas Ähnliche, nur umgekehrt geographisch. Die Genannten kamen alle im Jahr 2000 nach Ostdeutschland und fanden eine Ex-DDR vor, die natürlich “deutscher” als Westdeutschland war. Doch schon die Wende und dann die Wiedervereinigung hat diese Isolation aufgehoben, die heute wieder mental hergestellt werden soll, und zwar durch verschiedene Faktoren, die dann ins Spiel kamen. Die kapitalistische Übernahme durch den Westen, aber vom Osten gewollt- vgl dazu auf der Seite Vereinigung -, brachte durch die massive Arbeitslosigkeit infolge der Tabula rasa durch die “Abwicklung” der DDR-Unternehmen eine Auswanderung nach Westen, docb ein großer demographischer Exodus nach Westen war schon ganz am Anfang nach dem Mauerfall eingetreten, frür den der Westen nicht verantwortlich gemacht werden kann. Sachsen-Anhalt leidet demographisch bis heute unter diesem Aderlass.
Was hat es also für einen Sinn, das Ossi-Wessi-Spiel zu spielen hinsichtlich der Schuld an der AfD? Sie ist ein gesamtdeutsches Produkt, sozusagen in geographischer Arbeitsteilung, aber im Osten ist sie schneller gewachsen und das steht jetzt natürlich im Blickfeld.
W. Geiger
31.8./1.9.2026
Nationalismus und Ost-Identität: Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt
Leider hatten die Wahlumfragen am Wahlabend zum Motiv für die Wahl der AfD keine Frage, welche Bedeutung die Ost-Identität dabei hatte.Die Kommentatoren im Fernsehen - Journalisten wie Politiker - betonten die Emotionalität des AfD-Wahlkampfs, sicher zu recht, aber niemand thematisierte die Ost-Identität als wichtigen Faktor für die Analyse, dabei hat ihn die AfD doch deutlich genug propagandistisch betont. Von der Wende 2.0 ist die Rede und Ulrich Siegmund sagte am Wahlabend (sinngemäß): “Wir haben die erste Wende geschafft, wir schaffen auch die zweite Wende.” Auch ohne umfrageempirischen Befund kann man als Beobachter feststellen oder zumindest vermuten, dass das Plus der AfD im Osten mit eben dieser geschickten und gelungenen Vereinnahmung einer neuen Ost-Identität zusammenhängt, die sich gegen eine Bevormundung, Benachteiligung und tendenziell oder offen ausgesprochen Unterdrückung des Ostens durch den Westen aufbaut. Die Vereinnahmung dieses zunächst unabhängigen Gefühls durch die AfD ist ein gelungener Coup, ein für eine breitere Masse greifendes Feindbild herzustellen, als es die klassischen AfD-Themen alleine wären.
Wenn der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt sich prioritär gegen die Politik der Bundesregierung richtete und die Landespolitik im Prinzip nur als Stellvertretung dieser Bundespolitik betrachtet hat, so verschmolz darin das eigene, eigentliche politische Feindbild der AfD aus nationalistischer Perspektive mit dem innerdeutschen Ost-West-Ressentiment, weil die Bundesregierung und die “Alt-Parteien” als westlich empfunden werden, vom Wessis gebildet und gelenkt.
Die besondere Verbundenheit mit Ostdeutschland, die u.a. vom Sachsen-Monitor 2025, eruiert wurde, mit 88% gegenüber einer gesamtdeutschen Verbundenheit 75%, ist weder überraschend, noch ein Problem. Natürlich gibt es im Westen kein Pendant dazu, weil man sich zwar in der Ossi-Wessi-Debatte natürlich als Wessi identifiziert, aber keine spezifische westdeutsche Identität hat. Die ostdeutsche Identität ist dagegen historisch bedingt durch die Folgen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung.
Nebenbei bemerkt:
Nine-Christine Müller erklärte mir vor zwei Jahren am Rande einer Veranstaltung am Tag der deutschen Einheit in der hessischen Landesvertretung in Berlin, wo ich zu einer Diskussion mit meinem mecklenburgischen Geschichtslehrerkollegen Sandro Geister für eine Aufnahme von Nines Ostwärts und Diskussion mit den zahlreichen Anwesenden im überfüllten Saal der Landesvertretung geladen war, dass sie in den Interviews für ihre Podcasts und überhaupt aus ihrer Erfahrung heraus erst seit damals ungefähr zehn Jahren die Herausbildung dieser Ost-Identität festgestellt habe. Zu unserem podcast siehe hier auf der Seite Hinweise/Medien.
Sie selbst, 1989 geboren und in einem thüringischen Dorf an der hessischen Grenze aufgewachsen, hat, selbst von der Stiftung Aufarbeitung interviewt, erzählt, wie “das Ostdeutsche” aus einer dialektischen Verbindung zwischen Frmd- und Eigenstereotyp entstanden ist (YouTube Identitäten ohne Mauern - DNA des Ostens: Interview mit Nine-Christine Müller, 20.10.2025). Eine lustige und sehr prägnante Bemerkung macht sie im Interview über den “Safari-Tourismus”, wo (west-)deutsche Reporter auf ostdeutschen Marktplätzen Leute befragen, warum sie AfD wählen.
7.9.2026
Wir fortgesetzt...